30.01. +++ Am Ende

Melancholia
Ob der kosmische Totentanz so aussehen wird? Still aus MELANCHOLIA (Foto: Wikipedia)

Wenn man sich mal an den täglichen Kunstkonsum gewöhnt hat, bringt das nicht nur Vergnügen mit sich. Heute zum Beispiel war ich den ganzen Tag ein bisschen übellaunig, weil ständig noch irgendwas anderes zu erledigen war, so dass ich wirklich fürchten musste, nicht dazu zu kommen. Keine Kunst? Welchen Sinn hätte dann der Tag gehabt? Gut, ich hätte eingekauft, gekocht, gebacken, gewaschen, gut gelebt – aber das pure Leben kommt mir so schmal vor, ohne Schönheit, Wunden, Auseinandersetzung. Und sonderbarerweise geht es gar nicht um eine bestimmte Art Kunst oder irgendein bestimmtes Thema, bei dem was ich da vermisse, sondern um das Erlebnis, die Begegnung mit dieser anderen Sphäre. Dann werd ich kribblig, unhöflich, ungeduldig, zu den Leuten und Tieren um mich herum. Viele Leute brauchen täglich Yoga oder eine halbe Stunde Jogging, um glücklich zu sein. Ich hab mich im Nu an die Kunst gewöhnt, diesen heiligen Raum im Alltag. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen religiös, aber ehrlich: die Auswirkungen sind zumindest indirekt extrem körperlich.

Und das Universum wollte mir offenbar das richtige Kunstwerk dazu angedeihen lassen, denn natürlich hat alles noch geklappt, und ich habe mir Lars von Triers MELANCHOLIA angesehen. Was für ein Werk über das Unbehagen im Getriebe der Zivilisation. Bildgewaltig wie der Film daherkommt, verlangt er einem textorientierten und dramaturgisch interessierten Zuschauer wie mir einiges an Geduld ab. Was das betrifft, passt der Wagner-Soundtrack perfekt, denn in Wagner-Opern stellt sich dieses Gefühl jedes Mal in genau der gleichen Weise bei mir ein. Und doch: Dieser Weltuntergang war genau der richtige Tripp. Zu Anfang die Befürchtung, ich könnte in ein Sozialdrama geraten sein – hab ich nichts gegen, nur heute eben nicht. Eine sonderbare Hochzeitsfeier, bei der immer weniger Beteiligte versuchen, den Schein von Normalität aufrecht zu erhalten. Sie steht unter einem schlechten Stern, im Sinne des Wortes, denn noch bevor die Braut das Fest betritt, sieht sie einen roten Stern drohen. Dann kippt die Stimmung zum ersten Mal, als die Braut nicht mit dem Bräutigam schlafen kann, woran vielleicht ihre Krankheit (oder ihre Gabe?) schuld ist, ihn noch in der Hochzeitsnacht betrügt, und er sie verlässt.

Es gibt so viele Ikonen in MELANCHOLIA - die Vermählung mit der Natur
Es gibt so viele Ikonen in MELANCHOLIA; hier: die Vermählung mit der Natur nach einem Gemälde nach einem Drama (Foto: Wallpaperswide.com)

Das Eingeständnis, dass nichts normal und gut ist, und Liebe und Güte zwischen Menschen nur flüchtige Momente aber keine bleibenden, verlässlichen Zustände. Der tiefe Absturz der Braut, und dann, als der Unstern mit dem ominösen Namen „Melancholia“ sich der Erde nähert, um sie zu vernichten, schließlich die Umkehr aller Verhältnisse: Die vermeintlich Kranke zeigt sich als Wissende und Souveräne, die vermeintlich Glücklichen und Normalen verenden in Einsamkeit und Verzweiflung. Auf der Sozialdrama-Ebene trifft der Film natürlich eine Aussage über psychische Krankheit (Depression) und Normalität, aber dieses Moment interessiert den Regisseur wohl nicht mehr sehr stark – er hat es in früheren Filmen intensiv behandelt. Stattdessen rückt die spirituelle Dimension des Psychischen stärker in den Fokus, verbunden mit einer tiefen Zivilisationsskepsis. Und ja, ich weiß dass das ein Steckenpferd von mir ist: diese Skepsis gegenüber menschlicher Zivilisation äußert sich auch in Sprachskepsis. Dialog wird als Mittel rar, der visuelle Kommunikationskanal hat bei weitem die größte Bedeutung. Die reichen, zivilisierten Menschen versuchen sich die Natur mit ihrer Kultur unterzuordnen – dieses Thema durchzieht den Film von den Tableaux vivants im Vorspann, in denen berühmte Gemälde filmisch interpretiert werden, über das Anwesen mit Golfplatz bis hin zu den edlen Pferden, die das einzige Kreatürliche in der Nähe sind. Dabei wird diese Kultur immer irrelevanter, je mächtiger die Natur zum Gegenschlag ausholt. Am Ende hilft weder Wein, noch Gesang, noch das mächtige Heim, sondern nur noch das Akzeptieren der eigenen Schwäche. Dazu jedoch ist nur die vermeintlich Kranke fähig. Schaurige Aussichten also. Hier schneits auch schon wieder. Bis wir kollidieren möchte ich aber bitte noch jeden Tag Kunst, und zwar mit Scharf, bitte.


Anwendungsgebiete: Gallensteine, verursacht durch zu konzentrierte schwarze Galle

Einnahme: Mindestens mit dem Beamer im Heimkino, besser im richtigen Kino und optimal mit Live-Orchester anschauen. Allein. Denn am Ende sind wir alle allein. Schluchz.

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