30.04. +++ Ithaka

Ein Blick wie ein Skalpell: Wolfgang Koeppen in den 50ern. Sein Roman TAUBEN IM GRAS erschien 1951. (Bild von www.wolfgang-koeppen-stiftung.de)
Ein Blick wie ein Skalpell: Wolfgang Koeppen in den 50ern. Sein Roman TAUBEN IM GRAS erschien 1951. (Bild von www.wolfgang-koeppen-stiftung.de)

Eigentlich schreibe ich zu der Literatur, die ich in der Reihe „Sommers Weltliteratur to go“ verhackstücke, nicht auch noch Blogbeiträge, aber heute muss es mal sein. Ist ja Freinacht, da ist alles erlaubt, oder? TAUBEN IM GRAS von Wolfgang Koeppen ist nur das erste einer Reihe von epischen Werken, die ich mir in der nahen Zukunft als Playmobil-Videos vorgenommen habe, ich habe es heute mit einigen Schwierigkeiten zusammengezimmert. Die größte Schwierigkeit war sicherlich die Tatsache, dass die 105 Episoden des Werkes alle einigermaßen gleichberechtigt daherkommen. Natürlich gibt es entscheidende Szenen, aber schon um den zweiten Platz liefern sich etliche Episoden einen erbitterten Kampf. Genauso verhält es sich bei den Figuren. Ich habe mich auf elf namentlich genannte Figuren konzentriert, aber sehr schweren Herzens, denn es wären mindestens noch fünf weitere sehr wichtig gewesen – dabei ist das Video schon fast doppelt so lang wie mein übliches Format. Die Schwierigkeit der Zusammenfassung von TAUBEN IM GRAS liegt nicht daran, dass der Roman zu lang wäre – HAMLET ist eher länger, und trotzdem wesentlich leichter zusammen zu fassen (wobei auch da das Weglassen schmerzt, natürlich, das tut es immer). Es ist vielmehr die flächige Struktur, die Anlage als Panorama, die dieses Werk so schwer zu bändigen macht. Ich möchte im Folgenden einige Punkte ausführen, die ich gern noch gesagt hätte, wenn mehr Raum gewesen wäre (oder ich besser zusammen fassen könnte…).

Die unmittelbare Nachkriegsgesellschaft, die Koeppen in TAUBEN IM GRAS portraitiert, besteht aus Menschen, die jahrelang rassistische Parolen inhaliert haben. Da die jüdische Bevölkerung durch den Holocaust nahezu vollständig ermordet wurde, konzentriert sich der sorgfältig einstudierte, antrainierte, konditionierte Rassehass nun auf die Persons of Colour unter den amerikanischen Besatzungssoldaten. Falls Sie noch nicht über diesen Begriff gestolpert sind: „Person of Colour“ ist die heute von vielen Menschen mit dunkler oder anderer als weißer Hautfarbe favorisierte Bezeichnung. Bei Koeppen heißen sie freilich pauschal „Neger“, woraus schnell auch mal „Nigger“ wird. Die diffuse Angst vor der Auflösung jeglicher Ordnung und Gewissheit, die viele Deutsche nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur spürten, scheint sich in TAUBEN IM GRAS in der Ablehnung der afroamerikanischen Soldaten zu kristallisieren. Frauen, die sich mit ihnen einlassen, begehen eine „Rassenschande“ (in direkter Verlängerung der Nazi-Bezeichnung für eine Verbindung zwischen jüdischen und „arischen“ Deutschen), gar von einem Afroamerikaner schwanger zu werden, ist eine Schande, gar ein Sündenfall. Neben dem in der Bevölkerung festsitzenden Rassenhass, der besonders in der Figur der Frau Berend beschrieben wird, gibt es aber auch ganz konkrete Ängste. Carla, die zwar nicht sicher ist, ob sie Washington, den schwarzen Vater ihres ungeborenen Kindes, liebt, weiß doch immerhin, dass sie es unglaublich schwer haben wird als weiße Frau eines Man of Colour – ob in Deutschland oder in den USA. Interessanterweise wird Frankreich hier zu einem Land verklärt, in dem sich die Menschen „freuen, wenn man bei ihnen leben will“, egal welche Hautfarbe man sein eigen nennt. Ich bin mir nicht sicher, wie tolerant die französische Gesellschaft der späten Vierziger tatsächlich war, aber vermutlich war sie tatsächlich eine Ausnahme in Westeuropa.
Auch ein blinder Aasvogel findet mal ein Korn. Oder anders gesagt: Man kann auch von Gefieder mit Handicap lernen (Bild von www.diepresse.com)
Auch ein blinder Aasvogel findet mal ein Korn. Oder anders gesagt: Man kann auch von Gefieder mit Handicap lernen (Bild von www.diepresse.com)

Ein weiterer Punkt, auf den ich gern näher eingegangen wäre, sind die literarischen Querverweise. Die Tatsache, dass Odysseus Cotton, dieser afroamerikanische Soldat auf Urlaub, einen mythischen Namensvetter hat, ist das eine. Homers Epos als Prätext ist aber bei weitem nicht so interessant wie James Joyces ULYSSES, denn in diesem Hauptwerk der klassischen Moderne geht es immerhin auf sehr vergleichbare Weise um das Panorama einer Stadt, allerdings mit deutlichen Unterschieden. Zum einen hat Joyce eine Hauptfigur, die das Zentrum der Erzählung bildet, zum anderen geht es um eine bestimmte Stadt, nämlich Dublin, und das auch noch an einem ganz konkreten Tag. Koeppen schreibt einerseits epischer, weil die Struktur sozusagen demokratischer ist, im Vergleich zum teilweise sehr dramatischen und legendär variablen Stil Joyces. Andererseits orientiert er sich aber was die Motive angeht nicht so eng am antiken Vorbild wie Joyce. Dessen Antiheld Leopold Bloom, dessen Irrfahrt ihm Prüfungen und Versuchungen auferlegt, landet freilich, ganz wie Homers Odysseus, am Ende zu Hause – und emotional findet auch Odysseus Cotton eine (zumindest vorübergehende) Heimat bei der Prostituierten Susanne. Diese Vereinigung jedoch steht unter dem Vorzeichen des Totschlags (den Odysseus begangen hat) und des Diebstahls (den Susanne an ihm begangen hat) – keine günstigen Zeichen.

Insgesamt fielen mir bei der Lektüre eine ganze Reihe von Motiven auf, die äußerst aktuell sind: Die Frage nach Fluch und Segen des Erbens, mit dem sich Emilia herumschlägt (heute freilich unter veränderten Vorzeichen), die Frage nach dem „Geist Europas“, der fast wie eine Beschwörung des so genannten „Abendlandes“ klingt, die Rassendiskriminierung in Amerika (es ist schmerzlich, dass sie heute noch so aktuell ist), und, auf einer persönlichen Ebene, die Frage nach der Existenz und Arbeitsfähigkeit des Schriftstellers. TAUBEN IM GRAS ist in der Tat ein wichtiges Buch – und die Reihe „Weltliteratur to go“ verschafft mir so eine systematische Horizonterweiterung und sorgt dafür, dass ich Bildungslücken schließe, soweit man ein Netz schließen kann. Natürlich muss die Frage offen bleiben, wie ich in Zukunft mit solchen Epen umgehe. Vielleicht noch eklektischer, einfach mit viel Nachdruck Schwerpunkte bilden? Für Ideen bin ich jederzeit dankbar, v.a. auch zu der Rätselfrage, an die ich mich bisher nicht gewagt habe: Wie könnte Playmobil-Lyrik aussehen?

Anwendungsgebiete: Taubheitsgefühle in den Fingerspitzen.

Einnahme: Legen Sie die tauben Gliedmaßen in Gras, und nehmen Sie das Buch langsam zu sich. Ich glaube, es ist ein Begleiter, den man im Leben nicht nur einmal liest. Es wird sie wärmen und von der Taubheit heilen.

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