31.01. +++ Tristesse oblige

Sieht gar nicht unglücklich aus: Yasmina Reza (Foto: diepresse.com)
Sieht gar nicht unglücklich aus: Yasmina Reza (Foto: diepresse.com)
Es sind bestimmte Situationen, die wie Zugvögel immer wieder kommen: Eheliche Sprachlosigkeit, die sich in plötzlichen Handgreiflichkeiten entlädt; das Kramen in der Handtasche, das eine Suche nach Halt ist; die Ratlosigkeit, wie der Geschlechtsverkehr anzufangen ist. Ist das alles „aus dem Leben gegriffen“? Ein „Abbild der Wirklichkeit“? Ich weiß es nicht, und ich bin auch nicht sicher, dass Yasmina Reza das behaupten würde. Vielleicht würde sie sagen, dass sie diese Menschen kennt, wenn auch nicht in der jeweiligen Zusammensetzung.

Ihr Buch GLÜCKLICH DIE GLÜCKLICHEN, das sich „Roman“ nennt, ist eine Sammlung von kurzen Szenen, jeweils aus der Perspektive einer der achtzehn Personen geschrieben, die alle mehr oder minder zueinander in Beziehung stehen. Eine Zustandsbeschreibung, keine Geschichte mit einer Pointe, sondern meist unscheinbar alltägliche Begegnungen zwischen Menschen. Mit dem Fortschreiten des Buches erschließt sich der Zusammenhang zwischen all den Figuren, mit den meisten Namen kann man etwas verbinden, aber man bräuchte ein Schaubild, um alle genau verorten zu können, denn, und das finde ich ein bisschen schade, manche von ihnen werden nicht so richtig charakteristisch, so richtig klar profiliert. Das hat sicher damit zu tun, dass es kein Erzähler ist, der die Situationen von außen beschreibt, sondern immer aus der Perspektive der jeweiligen Figur geschrieben wird. Das hat aber auch mit einer bestimmten Art von gutsituierter Bürgerlichkeit zu tun, die die Leben dieser Leute sehr verwechselbar machen. Natürlich, das eine Paar leidet unter dem Schicksal seines psychisch kranken Sohnes, der sich für Céline Dion hält, das andere Paar steht vielleicht kurz vor der Trennung, aber der Kosmos ist doch bei allen der gleiche – und genau um diesen Kosmos, diese bürgerliche Weltordnung, glaube ich, ist es Yasmina Reza zu tun. Es geht um Sinnhaftigkeit und Glück, und zwar in Bezug auf die Liebe und das Führen von Beziehungen. Es gilt für die Bewohner ihres Buchplaneten generell das Modell der bürgerlichen Ehe als Norm, und ebenso normal ist es, diese Norm nur mit Hilfe von Seitensprüngen auszuhalten. Der einzige, der aus diesem Raster herausfällt, ist ein schwuler Arzt, der von allen als sehr kompetent und freundlich beschrieben wird, und der aus seiner Perspektive von der Suche nach dem Schmerz der Liebe erzählt. Da er es nie mit einer Beziehung versucht hat, sondern immer nur One-Night-Stands gesucht hat und mittlerweile für Sex bezahlt, ist ihm das Wagnis, Sexualität und Liebe zusammen zu bringen, wesentlich bewusster, als den heuchlerischen Heterosexuellen beiderlei Geschlechts um ihn herum. Seine Suche nach einer Person, die in der Lage wäre, ihn zu verletzen, hat, so widersinnig sie auch scheint, mehr Weitsicht als die Suche nach Harmonie, die das Lager der Glattgebügelten bestimmt. Glücklich scheint niemand in diesem Buch zu sein (Céline Dion ausgenommen), aber analytisch weiß dieser Arzt wenigstens, was es bräuchte, um Glück zu erfahren. Ich bin mir trotzdem (leider) ziemlich sicher, dass er es immer nur erjagen wird, wie alle anderen.

Yasmina Reza, GLÜCKLICH DIE GLÜCKLICHEN (Foto: amazon.com)
Yasmina Reza, GLÜCKLICH DIE GLÜCKLICHEN (Foto: amazon.com)
„The pursuit of happiness“ – das Glück zu suchen, genau wie die Liebe, ist ebenso menschlich wie objektiv betrachtet falsch. Ich gelange immer mehr zu der Einsicht, dass es das Bemühen um ehrliche Arbeit sein sollte, die uns antreibt, nicht um reich zu werden, wohlgemerkt, sondern um der Arbeit willen. Das würde nämlich bedeuten, dass die Arbeit uns nicht nur Freude bereitet, sondern auch das Gefühl von Sinnhaftigkeit vermittelt. Und die lässt sich erstaunlicherweise nicht mit Geld messen, wo Geld doch sonst die universale Maßeinheit ist. Die Figuren in Rezas Buch jedenfalls gehen nur nebenbei ihren Tätigkeiten nach – und was sie da tun scheint auch nur in wenigen Fällen Auswirkungen auf den Grad des empfundenen Glücks zu haben, so bei einem Berufsspieler, der die Welt des Spiels braucht, um die andere Welt auszuhalten. Eine Rechtsanwältin jedenfalls, die sehr erfolgreich eine Gemeinschaft von Asbestopfern vertritt, scheint ihre Tätigkeit nicht so sehr zu interessieren, wie die Ausweitung ihrer sexuellen Genussfähigkeit – mit ihrem Geliebten, wohlgemerkt, nicht mit ihrem Ehemann. Und komischerweise ist da wieder dieser schwule Arzt, der sich völlig seinem Beruf aufopfert, der so viel arbeitet, dass er für eine Beziehung gar keine Zeit hätte. Das andere Extrem, sicher, auch nicht glücklich, aber immerhin: Er ist sich seiner Situation bewusst. Fast ein faustischer Charakter. Je komplizierter die Welt, desto größer die Sehnsucht nach dem Einfachen, vor allem dem einfachen Glück. Eine kleine, glückliche Familie. Die scheint es, im Reza-Kosmos, nicht zu geben, zu sehr sind alle Spieler mit Anfängen und noch komplizierteren Konstellationen beschäftigt. Ich erwarte keine Antwort von einem solchen Gesellschaftspanorama, das wäre unredlich, und ich bin auch nicht enttäuscht, denn es war ein Vergnügen, ihre leichte Prosa zu verspeisen, nur eines: Ein bisschen traurig.

Anwendungsgebiete: Akutes Unglücklichsein (Sagt die Autorin selbst: „Wenn man unglücklich ist, soll man traurige Bücher lesen.“ So ungefähr, ich suche das Zitat jetzt nicht raus. Gut, vielleicht ist das Buch nicht traurig genug für großes Unglück, aber das steht ja bei jedem selbst.)
Einnahme: Portionsweise einnehmen; das Buch ist in benutzerfreundliche Häppchen eingeteilt

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