31.03. +++ Blatternnarben

Ich müsste diese Maigret-Romane sicher nicht in festem Einband und mit rotem Bändchen lesen - aber dieser Luxus ist echt wunderbar
Ich müsste diese Maigret-Romane sicher nicht in festem Einband und mit rotem Bändchen lesen – aber dieser Luxus ist echt wunderbar

Es reicht ja nicht, Polizist zu sein, oder Pfarrer. Weder der Job noch gar die Firma, für die man arbeitet, sind prinzipiell gut, auch wenn sie das von sich behaupten. Und es ist auch kein Argument gegen diese Feststellung, wenn Sie mir das Wort im Munde herumdrehen und sagen, dass es dann auch nichts prinzipiell Schlechtes gibt. Denn das gibt es durchaus. Rassismus, Drogenschmuggel, Menschenhandel und andere solcher wirtschaftlich motivierten unmenschlichen Geschäfts- und Lebensformen: In diesen Bereichen gibt es kein „Richtiges Leben im Falschen“, wer da als Täter mitmischt, muss sich erstmal rechtfertigen. In den gemischten Einrichtungen der menschlichen Existenz gibt es aber doch immer wieder positive Ausnahmeerscheinungen, und die kann man gar nicht deutlich genug hervorheben. Wie zum Beispiel Kommissar Maigret.

Im Winter 1939 schreibt Georges Simenon den zwanzigsten Band seiner Maigret-Reihe mit dem Titel LES CAVES DU MAJESTIC (MAIGRET UND DIE KELLER DES ‚MAJESTIC‘) in einem Dorf bei La Rochelle, um, wie er Andre Gide berichtet, das Mittagessen seiner Familie zu sichern. Es war nach fünf Maigretlosen Jahren das erste Mal, dass Simenon sich wieder seinem dicken Kommissar zuwandte, und die Wiederaufnahme der Reihe war äußerst erfolgreich, was sich daran ablesen lässt, dass es mittlerweile nicht weniger als fünf Verfilmungen des Werkes gibt. Viele Kritiker haben diesen Maigret als einen der besten aus der Reihe bezeichnet, und in der Tat ist er nicht nur äußerst spannend, sondern zeichnet sich auch durch eine sozialkritische Wucht aus.

Das echte Hotel Claridge in Paris ist wohl das Vorbild für das "Majestic" im Roman. Sagt mein Freund Wikipedia, wo es einen klasse Artikel zu diesem Krimi gibt (Bild von www.de.wikipedia.org)
Das echte Hotel Claridge in Paris ist wohl das Vorbild für das „Majestic“ im Roman. Sagt mein Freund Wikipedia, wo es einen klasse Artikel zu diesem Krimi gibt (Bild von www.de.wikipedia.org)

Im Keller des fiktiven Luxushotels Majestic an den Champs-Elysées wird eine Frau tot aufgefunden. Die erdrosselte Leiche wurde in einem Spind im Personalumkleideraum deponiert. Maigret nimmt die Ermittlungen in dieser Unterwelt auf, die mit ihrer harten Arbeit, ihrer Enge und menschlichen Nähe einen krassen Gegensatz zur glänzenden Welt der Superreichen in den darüber liegenden Stockwerken bildet. Als der Chef der Kaffeeküche, ein Kellner namens Prosper Donge, in Verdacht gerät, die Frau ermordet zu haben und auf Initiative des Untersuchungsrichters fest genommen wird, schlägt Maigret sich auf dessen Seite. Wie immer wirbelt der Kommissar einigen Dreck auf und entdeckt, dass tatsächlich eine Verbindung zwischen Donge und dem Opfer bestand, denn die Tote war früher Tänzerin gewesen und ihr Sohn stammte in Wahrheit von dem Kellner. Die Wendungen, die dazu führen, dass Donge schließlich entlastet wird, will ich hier nicht wiedergeben, sondern statt dessen noch ein wenig auf Maigrets Zusammenstoß mit Clarke, dem Ehemann des Opfers eingehen.

Natürlich raucht der geistige Vater ebenso Pfeife wie sein Kommissar: George Simenon (Bild von www.saetzeundschaetze.com)
Natürlich raucht der geistige Vater ebenso Pfeife wie sein Kommissar: George Simenon (Bild von www.saetzeundschaetze.com)

Nachdem die Leiche entdeckt wird, holt man die „Hauslehrerin“, die mit dem amerikanischen Ehepaar unterwegs war, hinzu, aber diese – pardon – Zicke fühlt sich von der Behelligung durch die Kriminalpolizei ungeheuer belästigt. Der Grund für ihrer Aversion, mit der Leiche konfrontiert zu werden liegt, wie wir wenig später erfahren, in der Tatsache begründet, dass sie auch die Geliebte des Ehemannes ist. Und dieser geht noch einen Schritt weiter als seine Flamme und verbittet sich mit Hilfe seiner Botschaft und der direkten Einflussnahme auf den Untersuchungsrichter jegliche „Belästigung“ durch die Polizei. Diese Arroganz bringt Maigret aus gutem Grund in Harnisch, und im Verlauf des Krimis wird seine Aversion gegen den Superreichen immer größer, bis er den Amerikaner durch seine bloße Anwesenheit zu einer Ohrfeige provoziert, was Maigret berechtigt, ihn festzunehmen. Als Clark daraufhin erfährt, dass „sein“ Sohn in Wahrheit derjenige eines anderen ist, verhält er sich jedoch sehr anständig, was ihm wiederum Maigrets Sympathien zuträgt. Da dessen Zorn auf die Ausbeuter und Kriminellen aber noch nicht verraucht ist, verpasst er, als er ihn überführt hat, dem Mörder einen Faustschlag ins Gesicht.

Eine solche Misshandlung ist untypisch für das äußerlich ruhige Wesen von Maigret, und sie verleiht der Figur eine bis zu diesem Band ungekannte Schärfe. Sein Zorn speist sich aus der Ungerechtigkeit der Gesellschafts- und vor allem Wirtschaftsordnung, die nur auf Grund dessen funktioniert, dass die Schwächsten leiden, denn am Ende geschah der Mord natürlich als Folge einer Erpressung – es ging um Geld. Bevor der Mörder überführt wird, unterhält sich Maigret mit einem zwielichtigen Geschäftsmann, der früher mal eine Bank betrieben hat: „Unterdessen sind Sie Bankier gewesen, denn auch in Frankreich wird von denjenigen, die über das Geld der Bürger verfügen, keine weiße Weste verlangt.“ Gier, verbunden mit dem Gefühl von Benachteiligung, sind die Triebfedern der Verbrechen, die geschehen, vor allem der alltäglichen Verbrechen. Und Maigret muss sich nicht nur gegen das Verbrechen durchsetzen, sondern vor allem auch gegen die ganz normale Korruption in Justiz und Polizei. Denn die Firma, für die er arbeitet ist keineswegs prinzipiell gut, aber mit ein bisschen Geschick kann jemand mit einem solchen bulligen Charakter wie der fette Kommissar sie in eine gute Richtung lenken.


Anwendungsgebiete: Blatternnarben, auch genannt Pockennarben.

Einnahme: Mit solchen Narben ist das Gesicht des Verdächtigen Donge gezeichnet. Ich weiß nicht, ob der „pockennarbige Neid“ auch im Französischen eine literarische Tradition hat, aber Donge ist alles andere als neidisch, und insofern ist seine Stigmatisierung eine geschickte falsche Fährte. Neidisch und gierig ist vielmehr der Täter, den ich immer noch nicht verrate. Natürlich kann ein Kriminalroman keine Narben beseitigen, aber den Neid kann er vielleicht lindern. Lesen Sie ihn, denn er weckt ein Gefühl für das Wichtige im Leben.

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