6.9. +++ Palimpsest

Eine andere Art Beziehungstat: Simon Amstad (Antoine Monot jr.) wird durch die Traumatisierung seiner Frau Karin (Sarah Hostettler) zum Täter (Bild von www.daserste.de)
Eine andere Art Beziehungstat: Simon Amstad (Antoine Monot jr.) wird durch die Traumatisierung seiner Frau Karin (Sarah Hostettler) zum Täter (Bild von www.daserste.de)

Es ist ja nicht alles schlecht, am September. Gut, die Sommerferien oder Sommerschonfrist, das gute Wetter und was sonst noch Angenehmes im Juli und August passieren kann, sind vorüber, aber: Es werden Sonntag Abends wieder neue Tatorte ausgestrahlt. Und der heutige Luzerner Tatort, IHR WERDET GERICHTET, hat wirklich Lust auf mehr gemacht – Chapeau den Schweizer Machern.

Eine der philosophischsten Fragen der Kriminalliteratur ist diejenige nach dem Fokus – liegt er beim Ermittlerteam (so dass das Publikum erst spät, vielleicht zugleich mit der Polizei erfährt, wer der Täter ist), liegt er beim Täter (so dass dessen Psychogramm, womöglich auch seine Manipulation der Polizei im Vordergrund steht) oder gar beim Opfer (so dass Spannung aus der Frage entsteht, ob es davon kommt)? Ich habe den Eindruck, dass die meisten Tatorte ihre Spannung eher aus der Beschäftigung mit den Ermittlern ziehen – sicher wird den Tätern unterschiedlich viel Aufmerksamkeit gewidmet, selten gelingt den Autoren und Regisseuren aber ein so kluger und spannender Fokus auf dem Täter wie bei IHR WERDET GERICHTET. Drehbuchautor Urs Bühler hat die Interpretation seines Protagonisten nicht dem Zufall überlassen – der wegen der Mordserie in Luzern hinzugezogene Profiler beschreibt den Täter als einen modernen Michael Kohlhaas. Große Fußstapfen also, in die Antoine Monot jr. alias Simon Amstad treten muss – und doch gelingt es ihm hervorragend.

Standen bei diesem Tatort etwas im Hintergrund und machten dennoch eine gute Figur: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger (Bild von www.daserste.de)
Standen bei diesem Tatort etwas im Hintergrund und machten dennoch eine gute Figur: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger (Bild von www.daserste.de)

Ich habe an dieser Stelle in der Vergangenheit auch schon über Tatorte aus Luzern gemeckert, zumal über die Synchronisation und ehrlich gesagt habe ich auch heute dank einer unterirdischen Tonmischung und vor allem dank eines nervtötenden Soundtrack ziemlich vieles nicht verstanden (ich gestehe offen, dass ich vielleicht auch mal zum Ohrenarzt muss), aber das großartige Buch und die flotte Umsetzung von Regisseur Florian Froschmayer haben dies zu lässlichen Sünden werden lassen. Aber fangen wir vorn an. Zwei Autohändler werden auf offener Straße exekutiert – alles deutet auf einen professionellen Killer hin, aber das Motiv fehlt, vom Mörder ganz zu schweigen. Als am nächsten Tag ein Geschäftsmann erschossen wird, gelingt es der Polizei (unter anderem durch den oben zitierten Profiler), ein Täterprofil zu erstellen, dass auf einen einsamen Rächer deutet – auf Selbstjustiz, weil da einer den Glauben an das Justizsystem verloren hat. Während Flückiger (in Hochform: Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) die Ärmel hochkrempeln und intensiv fahnden, weiß das Publikum schon, wer der Mörder ist, und erfährt langsam, warum er tut, was er tut.

Simon Amstads Frau ist Opfer einer wiederholten Vergewaltigung geworden – sie leidet an einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung, die fast wie eine Depression wirkt. Ich muss es mal hervorheben: Einfach genial, wie der Drehbuchautor diese Information einführt – mit ihrem Ehemann spricht die Frau nicht mehr, deshalb lässt er ein Babyphon da und hört mit, als ein Mitpatient aus der Traumagruppe zu Besuch kommt, mit dem sie sich unterhält. Sie leidet, und ihr Mann, ein sensibler und kluger Mensch, leidet so sehr, und vor allem auch darüber, dass die Justiz nicht funktioniert, wie er glaubt, dass er sich Täter heraussucht, die nicht ausreichend bestraft wurden – um sie als Heckenschütze zu exekutieren. Ohne viel Sprache, über simple Situationen, Blicke und Bilder wird erzählt, wie eine Misshandlung nicht nur das unmittelbare Opfer, sondern immer auch die Angehörigen betrifft und schreckliche psychologische Konsequenzen haben kann. Als sie am Ende erfährt, dass er der Täter ist, taut sie ihrem Mann gegenüber auf und einvernehmlich töten sie sich zusammen.

Und auch Flückiger (Stefan Gubser) wird zum Täter angesichts der Justizmängel, die einen Vergewaltiger frei herumlaufen lassen. Sein Vorgesetzter Mattmann (Jean-Pierre Cornu) in dieser Episode sehr engagiert - geht ja auch nicht um irgendwelche Ausländer... (Bild von www.daserste.de)
Und auch Flückiger (Stefan Gubser) wird zum Täter angesichts der Justizmängel, die einen Vergewaltiger frei herumlaufen lassen. Sein Vorgesetzter Mattmann (Jean-Pierre Cornu) in dieser Episode sehr engagiert – geht ja auch nicht um irgendwelche Ausländer… (Bild von www.daserste.de)

Es ist interessant, dass diese Geschichte von einem Opfer zweiter Ordnung, das zum Täter wird, eine Wirkung beinahe wie eine klassische Tragödie entfaltet. Obwohl der Mörder seine Taten mit der Kälte und Präzision eines Profis organisiert und durchführt, bleibt doch stets deutlich, dass er nicht aus niederen Motiven, sondern letztlich auf Grund einer psychologischen Ausnahmesituation handelt. Hierzu trägt Monots Spiel, auch sein ausgesprochen gutmütiger schauspielerischer Typ bei – und nicht zuletzt die Tatsache, dass wir ihn natürlich auch noch als Angehörigen der Bremer Mordkommission kennen (bis er 2013 ermordet wurde). Ein interessanter Fall von Palimpsest – die alte Rolle scheint in der neuen durch. Gesamturteil: sehr gut. Unbedingt in der Mediathek nachholen, falls verpasst.


Anwendungsgebiete: Durch Hornhautverkrümmung o.ä. verschobene Wahrnehmung.

 Einnahme: Unbedingt prophylaktisch und mit richtiger Brille diesen Tatort anschauen, er sollte einer verschobenen Wahrnehmung in Bezug auf die Justiz, den Rechtsstaat und die Wirksamkeit von Lynchjustiz vorbeugen. Denn ganz offenbar ist eine solche psychologische Überreaktion erklärlich – nur bringen tut sie leider nix. 

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