Ich bin Kulturpopulist

In meiner Kurzfassung von Bertolt Brechts LEBEN DES GALILEI habe ich im Fazit eine Parallele gezogen zwischen dem politischen Populismus heute und dem von mir so genannten „religiösen Populismus“ der Kirche zur Zeit von Galilei. Die Kirche verbot das heliozentrische Weltbild des Machterhalts willen, entschied sich also wissentlich für die Unwahrheit. Den gleichen Vorgang, nämlich die wissentlich unterkomplexe und damit falsche Darstellung von Fakten aus Gründen des Strebens nach Macht sehen wir im populistischen Diskurs. Nun wurde mir angesichts dieses Gedankens vorgeworfen, es sei absurd, dass ich, als ständiger Vereinfacher (von literarischen Werken), andern Leuten ihre Vereinfachungen vorwerfe. Das hat mich zu einem Nachdenken über den Populismus inspiriert, weshalb ich die folgenden Gedanken mit euch teilen möchte. „Ich bin Kulturpopulist“ weiterlesen

Die Buchmaschine

Es ist wieder mal soweit: Weihnachten naht mit einer Unverfrorenheit, die nur von seiner Unverschneitheit übertroffen wird. Es gilt die Festtagsessenfrage zu klären, sich dabei nicht mit der gesamten Familie zu zerstreiten und vor allem, Geschenke zu kaufen. Viele Geschenke. Klar kann man heutzutage fast alles im Internet bestellen, aber WAS? Ich möchte Ihnen eine kleine Last abnehmen und im Folgenden eine kleine Klassiker-Buch-Kauf-Beratung anbieten, denn Eine oder Einer fällt ihnen bestimmt ein, der/m Sie ein Buch schenken wollen. Die Sache ist ganz einfach: Beantworten Sie die folgenden Fragen und erhalten Sie eine völlig individuelle Kaufempfehlung :-). Viel Spaß dabei!

Los gehts!

Sie kennen sich nicht aus mit Literatur? Kein Grund zum Verzweifeln...
Sie kennen sich nicht aus mit Literatur? Kein Grund zum Verzweifeln…

 

Time to say Good-Bye

xa35-default_tcm83-1321609Es ist eine geraume Weile her, dass ich mich zuletzt schriftlich hier im Blog ergangen habe, und ich will versuchen, die gute Gewohnheit wieder aufleben zu lassen. Anlass heute: Der Abschied von einem hübschen Camcorder, den mir und uns Canon für immerhin zwei Monate zur Verfügung gestellt hatte, nämlich der XA35. Vorstellig geworden war ich bei Canon zunächst einmal mit meinem YouTube-Kanal, und natürlich habe ich in den letzten Wochen einige neue Videos mit diesem schnuckeligen semi-professionellen Camcorder produziert, der mindestens so einfach zu bedienen ist wie mein alter Sony Camcorder, aber eben qualitativ deutlich hochwertiger. „Time to say Good-Bye“ weiterlesen

Synkope. Zum Tod von Jörg-Heinrich Benthien

Jörg als Musiker in KILLERINSTINKT mit Matthias Freund am Schlagzeug. Foto von Ilja Meß.
Jörg als Musiker in KILLERINSTINKT mit Matthias Freund am Schlagzeug. Foto von Ilja Meß.

Wenn ich an Jörg denke, dann als lächelnden Menschen. Ich finde es bemerkenswert, dass mir das von einem großartigen Schauspieler und Musiker zuerst einfällt. Nicht einer von den vielen Momenten, in denen er mich auf der Bühne berührt hat, sondern irgendeine Begegnung im Alltag – wir sehen uns, er lächelt. Wenn man viele Jahre zusammen arbeitet, gibt es auch immer wieder Auseinandersetzungen, und Jörg konnte echt hartnäckig sein, wenn er glaubte, dass es da noch etwas zu holen gab in der Beschäftigung mit einer Rolle, mit einem Stück. Aber ich habe ihn nie als jemanden erlebt, der kleinlich oder persönlich wurde. Er war immer eine Bereicherung, gerade auch, wenn er nicht die Hauptrolle spielte. Ich glaube, er hat sein großes Können sehr uneigennützig eingesetzt. Sich auch dann gern mit voller Kraft hergeschenkt, wenn nicht der ganz große Applaus wartete. Und ich spreche von jemandem, der jederzeit in der Lage war, die große Bühne zu füllen und einen Abend ganz allein zu tragen. Aber er war sich nicht zu schade, dem Ganzen zu dienen, und das ist eine besondere Gabe.

Als ich ihn zum ersten mal als Agamemnon in der ORESTIE erlebte, war ich schon ein bisschen eingeschüchtert von diesem drahtigen, muskulösen Mann mit den messerscharfen, präzisen Gesten und der klaren, direkten Diktion; diesem Raubtier, der den aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten verkörperte, ohne irgend etwas illustrieren zu müssen. Er war es einfach. Er war sich seiner Instrumente sicher – und die Gitarre war nur eines, das er perfekt beherrschte. Für mich noch viel bewundernswerter, wie er in seinem Körper ruhte und mühelos Dinge mit der Sprache anstellen konnte, die andere vergeblich versuchen. Ein Theaterathlet, der scheinbar immer im Training war, und der dadurch sehr in sich ruhte. Ich glaube, es machte ihm einfach Spaß, sich körperlich, musikalisch, künstlerisch zu bewegen und diese Freude konnte er auf seine Umgebung genauso übertragen wie auf sein Publikum.

Ein Punkt an dem wir uns besonders gut verstanden haben, war seine geistige Beweglichkeit. Vor drei Jahren konnte ich ihn dazu bewegen, bei POETRY! DEAD OR ALIVE? zu Hölderlin zu werden. Wo viele andere vielleicht vor den kryptischen Gedichtzeilen, die ich ihm vorsetzte, zurückgeschreckt wären, war er sofort Feuer und Flamme. Ich glaube, seine Art der geistigen Experimentierfreudigkeit im Grenzgebiet des Sinns hatte mit seiner großen Musikalität zu tun. Die Formulierung „Grenzgebiet des Sinns“ klingt vielleicht doppeldeutig, was ich damit meine, ist die Fähigkeit, Sprache nicht nur als Vehikel für Gefühle und Gedanken zu begreifen, sondern als Wesen, die ein Eigenleben haben können. Er war in der Lage, Worte so zu formen, dass sie fremd klangen, dass die Unsicherheit und Doppelbödigkeit unserer verbalen Weltaneignung hörbar wurde. Wer ihn auf der Bühne erlebt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass er hin und wieder Zäsuren setzte, die da eigentlich nicht hingehörten – Synkopen im Metrum der Sprache, die er zwar gewohnheitsmäßig, aber sehr bewusst setzte. Ein Stocken, ein kurzer Moment, in dem er dieses Material seiner Kunst sichtbar machte, vielleicht auch ein Innehalten in der vollen Emotion, ein Abgrund, in den er im Vorübergehen schaute.

Als ich am Dienstag von Jörgs Tod erfuhr, war es mir völlig widersinnig. Er war für mich ein so lebendiger und gesunder Mensch. Vielleicht war mein Bild von ihm völlig falsch, aber es passte mit diesem Ereignis nicht zusammen. Indem ich über die vielen Bilder und Augenblicke mit ihm nachgedacht habe, ist mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen. In vielen Rollen, zum Beispiel in Vogt und Danton, ist er vielleicht deshalb so aufgegangen, weil er sich mit einem ihrer Gedanken gut identifizieren konnte: Wenn du sicher bist, dass du das Richtige tust, dann musst du den Weg bis zum Ende gehen. Er hat sich nicht aufgespart.

 

26.01. +++ In der Vitrine // Schwarz von Hunger und Seide

Hunger und Seide. SCHWARZ. (Bild von www.br.de)
Hunger und Seide. SCHWARZ. (Bild von www.br.de)

Lustig. Letzte Woche erst habe ich mich mit einem Archäologen, der ein kleines Steinzeit- und Bronzezeitmuseum leitet darüber unterhalten, wie man die Funde, die uns manchmal banal, manchmal überaus rätselhaft aus der Vorzeit ereilen, begreifbar, erzählbar für ein heutiges Publikum machen kann. Klar: Der Experte kann aus intensivem Interesse ob einer besonders gut erhaltenen Feuersteinklinge schon mal aus dem Häuschen geraten, aber selbst dem geneigtesten Besucher aus dem 21. Jahrhundert bleibt oft verschlossen, welchen Erkenntnisgewinn er daraus für sein Leben ziehen soll. Jedenfalls über ein „mei, ham mirs gut mit der Zentralheizung“ hinaus. Der Archäologe steht vor der Frage, wie er seine Funde menschlicher machen kann. Die Münchner Performancegruppe HUNGER UND SEIDE haben sich in SCHWARZ, das gestern Abend in der Muffathalle Premiere hatte, für den exakt umgekehrten Weg entschieden und die Frage gestellt: Was bleibt von unserer Zeit, dem Anthropozän, wenn wir alles Menschliche abziehen. Ihre Antwort: Plastik. „26.01. +++ In der Vitrine // Schwarz von Hunger und Seide“ weiterlesen

Happy New Year

Liebe Leser, ich wünsche Euch ein glückliches und gesundes Jahr 2015, mit vielen unterhaltsamen Texten und Videos… um gleich richtig einzusteigen, weise ich hier auf meine Mini-Raunacht-Serie hin, die ich in den letzten zwölf Tagen veröffentlicht habe… GEHEIMAKTE GRIMM.

21.12. +++ Eat more books

Kossis WeltIch neige dazu, Dinge zu wiederholen, die ich für wahr halte. Dummerweise bin ich dazu auch noch vergesslich, so dass ich in diesem Blog wahrscheinlich schon öfter sowas geschrieben habe wie: „Man kann gar nicht genug lesen.“ Die Bloggerin/Vloggerin/Leserin/Schreiberin Andrea Koßmann kurz Kossi jedenfalls hat das Motto „Read More Books“ über ihren YouTube-Kanal gesetzt, und beherzigt diesen Slogan selbst aufs Intensivste. Ich habe ihren Kanal „Kossis Welt“ erst heute kennen gelernt und noch nicht mal ansatzweise einen Überblick darüber, wie viele Buchempfehlungen, Let’s Reads, Crossover Videos zur Literatur und überhaupt sie schon produziert hat, es ist jedenfalls eine riesige Menge. „21.12. +++ Eat more books“ weiterlesen

Fenster zur Welt #TheaterimNetz

Bild aus einem Rechercheworkshop zu PHONE HOME im Pathos München: Smartphones sind das wichtigste Werkzeug auf der gefährlichen Reise nach Europa.
Bild aus einem Rechercheworkshop zu PHONE HOME im Pathos München: Smartphones sind das wichtigste Werkzeug auf der gefährlichen Reise nach Europa.

Ein Beitrag zur #Blogparade #TheaterimNetz der Kulturfritzen

Wenn ich mal Zeit hätte, würde ich eine Studie über webbasierte oder webverwebte oder netzvernetzte Theaterprojekte machen. Da gibt’s nämlich viel mehr, als man so kennt. Zum Beispiel PHONE HOME, eine Kooperation von Pathos München, Highway Productions Athen und Upstart Theatre London, für das gerade die Recherchephase läuft – aber dazu später. Ich hab ja vorletzte Woche über das Livestreaming-Projekt in Ulm erzählt, das m.E. ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber eben nur ein Schritt: Denn die Liveübertragung von Theater, selbst wenn sie von Chats und interaktiven Publikumsgesprächen flankiert wird, ist nicht viel was anderes als Fernsehen. Die Demokratisierung der Videoübertragung durch Livestreaming hat logischerweise ein viel größeres Potential: Viele Sender. Mikel Bower hat es in seinem Beitrag Lasset uns die Theater benetzen! neben vielen anderen Dingen angerissen: Der Input über das Netz IN die Theater muss stärker genutzt werden. „Fenster zur Welt #TheaterimNetz“ weiterlesen