Es steht geschrieben +++ Zur Auswahl

Vielleicht ist das jetzt ein bisschen weit ausgeholt, aber das kann man ja mal machen. +++ Wenn ich mir Gedanken darüber mache, was wir wissen können, was wir tun sollen und was wir hoffen dürfen, stehe ich immer wieder vor folgendem Problem: Wenn das Universum aus einer endlichen oder von mir aus auch unendlich unendlichen Anzahl von Teilchen besteht – das können wir nicht wissen, aber es müsste ja so sein. Jedes Teilchen an einem Ort, in einem Energiezustand oder vielleicht ist es auch wellenförmig, kann sein. Ich weiß schon, Heisenberg, wir können nichts verstehen, und wenn wirs versuchen, verändern wir es. Aber ich meine auch grundsätzlicher, nur denken, nicht messen. Auch wenn wir all diese Teilchen nicht kennen, noch nicht mal einen kleinen Teil von ihnen. Gibt es sie doch. Alles besteht aus Teilchen, die irgendwohin unterwegs sind, ob als Teilchen oder als Welle, mit einer bestimmten Geschwindigkeit. Und dann kollidiert ein Teilchen mit einem anderen und ändert die Richtung. Wir werden es niemals verstehen können, weil wir eben ein Gehirn so groß wie das Universum bräuchten, um das zu verstehen, aber es ist eigentlich ganz einfach: Ursache – Wirkung. Und eine Ursache kann immer nur eine Wirkung haben, weil für eine andere Wirkung bräuchte ich eine andere Ursache. Wenn das so ist, und anders kann ich es mir nicht denken, dann gibt es genau einen Ablauf für das Universum. Dann kann alles nur auf genau eine Art passieren. Es gibt keine Alternative, kein Konjunktiv, kein hätte, könnte, sollte. Nur war ist wird sein.

"Da gehts lang." Peter O'Toole muss es wissen. (Foto: moviepilot.de)
„Da gehts lang.“ Peter O’Toole muss es wissen. (Foto: moviepilot.de)

Wenn das stimmt, dann steht alles schon fest. Welche Taste ich als nächstes auf meiner Rechnerklaviatur drücke, welcher Spatz von welchem Ast fällt, wann ich sterbe. Und auch: Welches Kunstwerk ich heute konsumieren werde, wies mir dabei gehen wird, was ich darüber anschließend schreiben und in diesem Blog veröffentlichen werde. Ich mag „einen Plan haben“ oder „meinem Instinkt folgen“ bei der Auswahl der Kunstwerke, vielleicht „spielt der Zufall hinein“ oder ich folge einfach „den Regeln des Marktes“ – aber in Wahrheit (wenn die Teilchenebene für diese Kategorie qualifiziert) stehts alles schon fest. Absurderweise hat die Tatsache, dass das Fatum schon einen Plan für mich, dich, uns alle hat, nicht so richtig viel Auswirkungen auf unser Leben, denn durchlitten werden muss es trotzdem jeden Tag aufs Neue. Durchfeiert, wollte ich sagen. Es gibt diejenigen Denkschulen, die aus der Tatsache, dass alles schon „geschrieben steht“ eine Aufforderung zum Selbstmord ableiten, und andererseits diejenigen, die daraus eine Faktenbasis für Heldentum und ein großartig gestalterisches Leben machen. Ich selbst bin noch nicht mit mir einig geworden, was aus der Existenz des Fatums folgt: Depression oder Euphorie? Totalitarismus oder Hedonismus? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bin ich mir nur in einer Hinsicht ziemlich sicher: Wenn der Weg schon vor unseren Füßen liegt, wenn wir also nicht unser Leben leben, sondern unser Leben uns lebt, dann sollten wir die Sache vielleicht ein wenig dankbarer, demütiger und zugleich gelassener angehen.

Tolle Sache, aber wie werden die Kunstwerke für diesen Blog jetzt ausgewählt? Das Universum hat es gefügt, dass ich jeden Tag aufs Neue die Illusion meines dramaturgischen Instinkts für Abwechslung (in Bezug auf Genre, Entstehungszeit und Aroma) erfolgreich mit der Tatsache in Verbindung bringe, dass mir immer was Neues in den Schoß fällt, das vom Baum der Erkenntnis fällt. Einfach so.

10 Antworten auf „Es steht geschrieben +++ Zur Auswahl“

  1. Hallo Herr Sommer,
    wie ich Sie um diesen letzten Satz, diese Leichtigkeit des Seins und Tuns beneide!!

    Ich wünsche mir von Ihrem Sommertheater „Den Report der Magd“, „Den Liebhaber“ und viele andere mehr. Aber erst sollen diese genügen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marlies Mrotzek

  2. Über 200 To Go-Stücke, aber nur fünf von Frauen. Mit Ihrer beneidenswert spielerischen Leichtigkeit, lieber Michael Sommer, sollten Sie die Schätze aus weiblicher Feder einfach zu heben wissen, oder? Warum tun Sie es nicht? Ihre komplette Weltliteratur To Go bestätigt nur wieder dieses eine, leidige Bild: Schriftstellerinnen scheint es nicht gegeben zu haben und es gibt sie bis heute offenbar immer noch nicht. Oder kaum. Mit Aufklärung, wie Sie es sich auf die Fahne schreiben, hat der von Ihnen abgebildete Kanon nichts zu tun. Sie können das ändern!!!

    1. Liebe Stephanie Gessner,
      danke für Ihren Kommentar. Es sind sieben, aber das macht es nicht besser. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass Autorinnen in dieser Auswahl bisher zu kurz gekommen sind und bemühe mich, mehr ins Programm zu nehmen. Gleichzeitig habe ich viele Interessen abzuwägen: Zuschauerwünsche (und das sind Schüler, die ihre Lektüren abgedeckt haben wollen), Wünsche des Partners Reclam, gesellschaftliche Themen, meine eigenen Interessen und mein Verständnis von literarischer Qualität. Natürlich gibt es sehr viele Autorinnen, die es verdient haben, bekannter zu sein, aber meine zeitlichen Ressourcen sind endlich und ich kann mit diesem Kanal nicht eine dreitausendjährige Geschichte der Diskriminierung im Alleingang umschreiben. In dieser Hinsicht ist mein Kanal nicht aufklärerisch. In anderer Hinsicht schon, glaube ich. Und seien Sie versichert: Ich arbeite ununterbrochen daran, ihn besser zu machen.
      Beste Grüße
      Michael Sommer

      1. Lieber Michael Sommer, danke für Ihre freundliche Antwort, über die ich heute ebenso zufällig wie erfreut stolpere. Sie lässt mich hoffen, wie schön! Viele Grüße, Stephanie Gessner

        1. Liebe Frau Gessner,
          die Ausbeute seit Ihrem ersten Kommentar:
          Bachmann, Ingeborg: Der gute Gott von Manhattan (https://youtu.be/69AdZOnn_vs)
          Bronte, Emily: Sturmhöhe (https://youtu.be/k6dVF59tpD0)
          Frank, Anne: Aus den Tagebüchern der Anne Frank (https://youtu.be/Ya_ifznzu0M)
          Lagerlöf, Selma: Gösta Berling (https://youtu.be/ELkal_EpPTU)
          Müller, Herta: Atemschaukel (https://youtu.be/sdGiMNSa_Rk)
          Reza, Yasmina: Der Gott des Gemetzels (https://youtu.be/uSTyFF4qq9c)
          Rowling, J.K.: Harry Potter und der Stein der Weisen (https://youtu.be/SR0F7AShfnA)
          Shelley, Mary: Frankenstein (https://youtu.be/rD8vFjbbd6E)
          Zeh, Juli: Corpus Delicti (https://youtu.be/VUIF2sS3ppE)

  3. Zuerst: Danke für diesen Blog (und die YouTube-Videos)!
    Mir hat dieser Beitrag sehr gefallen – eine kleine Ergänzung möchte ich aber hinzufügen (obwohl ich normalerweise eine schweigende Leserin bin), vielleicht ist sie von Interesse.
    Es gibt Philosophen, für die Annahme eines deterministischen Universums, wie sie es beschreiben, mit dem freien Willen vereinbar ist. Siehe z.B. den folgenden Artikel http://www.davidjamesbar.net/wp-content/uploads/2015/01/van-Inwagen-The-Powers-of-Rational-Beings-Freedom-of-the-Will.pdf
    Ich möchte hier nicht evaluieren, wie ich zu Inwagens Argumentation stehe, aber ich finde seine Gedanken sind es wert, nachgedacht zu werden!

  4. Sehr geehrter Herr Sommer,

    ein tolles Projekt, das Sie da auf die Beine gestellt haben! Ich profitiere immer wieder gerne davon, sei es, indem ich Schülerinnen und Schülern mit Ihrer Hilfe den Einstieg in eine schwierige Literatur zu erleichtere, sei es, indem ich mir selbst ein Lächeln durch den Besuch Ihres Kanals auf die Lippen zaubere.

    Wissen Sie, was der Knaller wäre? Wenn sich bald auch noch Shakespeares TITUS ANDRONICUS unter den von ihnen zubereiteten Werken finden würde. Mir würd’s helfen und es wäre eine Herausforderung und sicherlich ein großer Spaß.

    Mit freundlichen Grüßen

    1. Hallo Herr Lars,
      danke für die freundliche Nachricht. Ich arbeite natürlich weiter daran, Shakespeares Gesamtwerk zu verplaymobilisieren, aber als nächstes ist erstmal JULIUS CÄSAR dran. Es heißt also noch etwas warten…
      Beste Grüße
      ms

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