26.01. +++ In der Vitrine // Schwarz von Hunger und Seide

Hunger und Seide. SCHWARZ. (Bild von www.br.de)
Hunger und Seide. SCHWARZ. (Bild von www.br.de)

Lustig. Letzte Woche erst habe ich mich mit einem Archäologen, der ein kleines Steinzeit- und Bronzezeitmuseum leitet darüber unterhalten, wie man die Funde, die uns manchmal banal, manchmal überaus rätselhaft aus der Vorzeit ereilen, begreifbar, erzählbar für ein heutiges Publikum machen kann. Klar: Der Experte kann aus intensivem Interesse ob einer besonders gut erhaltenen Feuersteinklinge schon mal aus dem Häuschen geraten, aber selbst dem geneigtesten Besucher aus dem 21. Jahrhundert bleibt oft verschlossen, welchen Erkenntnisgewinn er daraus für sein Leben ziehen soll. Jedenfalls über ein „mei, ham mirs gut mit der Zentralheizung“ hinaus. Der Archäologe steht vor der Frage, wie er seine Funde menschlicher machen kann. Die Münchner Performancegruppe HUNGER UND SEIDE haben sich in SCHWARZ, das gestern Abend in der Muffathalle Premiere hatte, für den exakt umgekehrten Weg entschieden und die Frage gestellt: Was bleibt von unserer Zeit, dem Anthropozän, wenn wir alles Menschliche abziehen. Ihre Antwort: Plastik. Mit dem Blick eines Archäologen aus einer fernen Zukunft, der bis auf die bunten und bisweilen skurril geformten Kunststoffgebilde keine Informationen über unser Leben hat, kreisen sie in einer choreografischen, abgezirkelten, komponierten Meditation um den Werkstoff unserer Zeit und schaffen so eine große Distanz zwischen Objekt und Zuschauer. Ihr Ziel? Sicherlich nicht dasjenige meines Archäologen, sich einzufühlen und die Lebenswirklichkeit zu verstehen, sondern einen Blick von außen zu ermöglichen. But first things first.

Flosse. Plastik. (Bild Astrid Behrens)
Flosse. Plastik. (Bild Astrid Behrens)

Der Abend beginnt atmosphärisch. Von einer Ansage vor der Dunkelheit gewarnt, betreten die Gäste die ziemlich abgedunkelte Muffathalle. Ein Geräuschteppich, der eine gewissen Spannung suggeriert, wabert in der Schwärze. Minimalistische Lichtreflexe flackern über die im Raum schwebenden Projektionsflächen, ich hätte mich nicht gewundert, wenn als nächstes „Der Weltraum. Unendliche Weiten…“ eingespielt worden wäre. Als nach einigen Minuten der Einstimmung das Licht heller wird, strömt das Publikum wie auf Knopfdruck zu seinen Sitzen. Ein Reflex der Erleichterung: Wenn man weiß wo man sitzt, hat man wenigstens den Ansatz für eine Erwartungshaltung. Nachdem die Performer den Bühnenboden per völlig analogem Besen vom Straßenschmutz befreit haben, darf eine Bowlingkugel wie eine Newton’s Cradle einige Male durch die Länge der Halle rollen – halb Einzählen, halb magische Geste, denn jetzt beginnt die Beschwörung des Plastikgottes. Auf dem Boden erscheinen Lichtfelder, nacheinander betreten die Performer mit einem Plastikobjekt – Stapelstuhl, Vuvuzela, Wäschekorb – diese und beginnen die unbekannten Objekte mit ihren Körpern zu erkunden: Wie verhält sich das Objekt zu mir? Was hat seine Form mit der Form meines Körpers zu tun? Welche Bewegungen ermöglicht es? Diese Annäherung wird viele Male durchexerziert, sehr gewissenhaft und meditativ. Ein Vorgang, der weniger durch sinnliche Momente und prägnante Bilder, als durch seine Demut wirkt.

Bisher läuft die Performance stumm – das ändert sich, als ein Performer (Jochen Strodthoff) das Spielfeld im quietschgrünen Lycra-Ganzkörperanzug betritt. Mit einem sehr nach Cyborg aussehenden Headset ausgestattet, erwacht die menschliche Stimme in ihm, zunächst offenbar im Versuch, das menschliche Lachen zu verstehen, einzuüben. Auch die anderen Akteure, Judith Hummel und Irene Rovan, tauchen in diesem entmenschlichten Outfit auf; während sie Gesten, Berührungen, menschlichen Kontakt als Bewegung erkunden, spricht es aus ihnen: Scheinbar willkürliche Fetzen Alltagsdialogs, wie sie aus einem Call-Center oder einer Internetfirma, es geht um elektronische Kommunikation, Modem, einmalige Gebühren. Auch hier: Fundstücke aus einer rätselhaften Zeit, die Annäherung bleibt verständnis- und emotionslos, streicht auf der glänzenden Oberfläche hin und her.

Wenig später eines der Bilder des Abends, die in Erinnerung bleiben: Nach einem der wenigen musikalischen Elemente – ein Rap, bei dem der Hauch der Rave- und Partykultur des 21. Jahrhunderts anklingt, bei dem hemmungslos die Plastikbecher über die Bühne fliegen – verwandeln sich die drei Performer in Derwische, die sich in Plastikwirbeln drehen; die erste Reihe des Publikums spürt den Windhauch und ansatzweise das ganze Publikum etwas von der Trance, in die sich diese Forscher versenken. Dass sie es mit voller Hingabe und großer Präzision tun, steht außer Frage – allein die Wirkung? Es scheint mir kein Zufall, dass zwei emotionale Momente ans Ende der Performance platziert wurden. Zum einen eine Audioeinspielung eines Erdöl-Connaisseurs, der von den unterschiedlichen Farben, dem wunderbaren Aroma dieses Stoffes schwärmt und erklärt, dass es eigentlich viel zu schade sei, um „unseren Hintern damit zu heizen.“ Andererseits die Schlusssequenz, in der Jochen Strodthoff sich programmatisch vom Schwarz des Abends verabschiedet und sich „white-faced“, also das Gesicht mit weißer Schminke und roten Lippen eines Clowns schminkt, um ein melancholisches und schönes Lied zu singen. Ganz empathisch, über die Liebe und wie sie die Kälte in der Welt überbrückt. Und wie passt das zu diesem Abend? War er nötig, um auf dieses Ende zuzusteuern? Ich bin ein wenig ratlos. Klar: Man sieht aus der Ferne oft besser, erkennt Strukturen, die im Alltagsnahkampf unsichtbar bleiben, so dass ein übergeordnetes Verständnis möglich ist. Aber dieser Mechanismus scheint höchstens der Ausgangspunkt für die Archäologen aus der Zukunft gewesen zu sein, um diesen meditativen Abend zu erarbeiten. Es ging um Körper, die sich nicht mehr in die Bruchstücke unseres Alltags fügen – aber diese Körper blieben, das ist meine Kritik, unmenschlich. Da sie – ob sichtbar oder nicht – immer unter dem pflegeleichten Lycra verborgen bleiben, wenig menschliche Regung, keine Emotion zeigen, überträgt sich ihre Erfahrung bis auf wenige Momente nicht. Der Abend, ein Museumsexponat, bleibt auf dem Sockel, in der Vitrine.

Eine Antwort auf „26.01. +++ In der Vitrine // Schwarz von Hunger und Seide“

  1. Sehr geehrter Herr Sommer,

    Durch Ihre Filmchen- Weltliteratur und Märchen- hindurch strahlt mich Ihre Liebenswürdigkeit geradezu an! Vielen Dank dafür! Sie sind eine Bereicherung und ich spüre- auch ein guter Mensch.

    Mit freundlichen und bewundernden Grüßen

    Elisabeth Woznitzka

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