28.01. +++ Reichtum

Eine handsignierte Ausgabe, Kostenpunkt: 4.500 Dollar. Was der Höhepunkt der Absurdität ist. (Foto von www.tbcirarebooks.com)
Eine handsignierte Ausgabe, Kostenpunkt: 4.500 Dollar. Was der Höhepunkt der Absurdität ist. (Foto von www.tbcirarebooks.com)
Es ist ein Wunder, dass wir als Erwachsene überhaupt überleben können, bei all den Verlusten, die wir während des Erwachsenwerdens erleiden. Die Prioritäten verschieben sich langsam, manchmal auch sprunghaft, bis es um solche Sachen wie Geld und Jobs und Macht geht, statt um Früchtekuchen. Wo doch jeder, der sich ehrlich befragt, weiß, dass Früchtekuchen (oder Stollen, oder was auch immer die regionale Entsprechung ist) wesentlich wichtiger ist, als all diese zuvor angesprochenen oberflächlichen Dinge. Vor allem, wenn man mühevoll das Geld für die Zutaten zusammenspart, einen ganzen Tag lang Hickory-Nüsse liest und knackt, illegal Whiskey als Backzutat kauft und am Ende 31 Kuchen backt und sie fast alle verschenkt.

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Es steht geschrieben +++ Zur Auswahl

Vielleicht ist das jetzt ein bisschen weit ausgeholt, aber das kann man ja mal machen. +++ Wenn ich mir Gedanken darüber mache, was wir wissen können, was wir tun sollen und was wir hoffen dürfen, stehe ich immer wieder vor folgendem Problem: Wenn das Universum aus einer endlichen oder von mir aus auch unendlich unendlichen Anzahl von Teilchen besteht – das können wir nicht wissen, aber es müsste ja so sein. „Es steht geschrieben +++ Zur Auswahl“ weiterlesen

27.01. +++ Seidenpapier

Fräulein Freundlich, FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (Foto: Malte Kreutzfeldt, von www.pathosmuenchen.de)
Fräulein Freundlich, FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (Foto: Malte Kreutzfeldt, von www.pathosmuenchen.de) Was das böse Kind mit dem Abend zu tun hat? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es die Seele der Geschichte?
Zum Beispiel die Blüten aus Seidenpapier, die Tanya Häringer aka Dorly Schupp zu Beginn der Vorstellung rollt. Sie klebt sie mit dem Kreppband, das zu ihrer Allzweckwaffe an diesem Abend werden wird, an einen Buschast und bringt ihn so zum Blühen. Wieso? Vielleicht, weil sie und ihre beiden Mitstreiter Peter Lutz (Puppenspiel) und Dominik Obalski (Musik) so einige fantastische Blumensträuße aus ihren vielen Theaterkisten zaubern, um die Welt der Schallplattenverkäuferin Dorly und der beiden Schwerverbrecher Kurt Sandweg und Waldemar Velte auferstehen zu lassen.  „27.01. +++ Seidenpapier“ weiterlesen

26.01. +++ Beschwerde!

Björk, BIOPHILIA (2011, Foto: Wikipedia)
Björk, BIOPHILIA (2011, Foto: Wikipedia)

Die Wucht ist erschreckend; ich würde nicht wagen, diese Musik laut in einem großen Raum zu hören, am Ende stürzt noch die Decke ein. Oder die Mauern von Jericho. Ich meine das völlig positiv: BJÖRK ist keine Abrissbirne, aber so kompromisslos geradlinig in Wahl und Einsatz ihrer Mittel, dass sie auch mit klarem Wasser Schreckliches anrichten könnte. Ich habe mir heute den Schleuderwaschgang BIOPHILIA gegönnt, Björks vorletztes Album, von 2011, und bin völlig ohne LSD in einem sehr bunten Land der modernen Sagen gelandet, in dem ununterbrochen Techno neben archaischen Saitenklängen, solo a capella Gesang neben atmosphärischen Vokalflächen geboren wird und wieder vergeht. „26.01. +++ Beschwerde!“ weiterlesen

25.01.+++ Seelenlandschaft

Adonis, DER WALD DER LIEBE IN UNS, erschienen bei Jung und Jung, 2013
Adonis, DER WALD DER LIEBE IN UNS, erschienen bei Jung und Jung, 2013

Ich brauche Ruhe, um zu lesen. Spezifische Geräusche, ein laufender Fernseher, ein Gespräch, machen es mir unmöglich, mich zu konzentrieren, während ich in einem Café oder in der U-Bahn problemlos lesen kann. Na jedenfalls meistens, und das geht wahrscheinlich den meisten Leuten so. Aber für unterschiedliche Arten von Literatur gelten unterschiedliche Regeln. Ein Roman holt mich überall ab, er hat viele Türen, ist ein guter Kumpel. Theaterstücke haben in der Regel mehrfach gespaltene Persönlichkeiten, die leicht auf dem falschen Fuß erwischt werden können und einem das Leben nicht immer einfach machen. „25.01.+++ Seelenlandschaft“ weiterlesen

24.01. +++ Auf Abstand

Maria Schutz
Maria Schutz in Pasing

Ich habe neulich wegen des satanischen Rollsplitts auf den Fahrradwegen mit der Stirn den Asphalt geküsst. Glücklicherweise ist nicht viel passiert, meine Blessuren verheilen, nur die Jacke ist ein bisschen kaputt und das Fahrrad muss repariert werden. Als ich es also heute zum Zweiradheiler meiner Wahl gebracht habe, bin ich auf dem Heimweg bei der festungsartige Pfarrkirche von Pasing vorbei gegangen, Maria Schutz. Offenbar wollte der Architekt insbesondere den Aspekt der Verteidigungsfähigkeit der festen Burg hervorheben – nein, „feste Burg“ ist ja die Konkurrenz. Wie auch immer, ich hatte das Vergnügen, mich ganz allein in der Kirche aufzuhalten. Ich mag das wirklich, so ein riesiges Gebäude auf mich allein wirken lassen. Ist vielleicht ein bisschen asozial und einer narzisstisch-elitären Weltsicht geschuldet, aber Selbsterkenntnis ist ja auch schon was. „24.01. +++ Auf Abstand“ weiterlesen

23.01. +++ XXX

XXX (Foto von contrapunctus.me)
XXX (Foto von contrapunctus.me)

Die Aura des Geheimen ersetzt das Geheimnis an sich. Zumal im post-post Zeitalter. Meine Herausforderung bei diesem Text besteht darin, dass ich einer interaktiven Performance beigewohnt, mich verpflichtet habe, nichts von dem, was geschehen ist, öffentlich preis zu geben, und trotzdem darüber zu schreiben. Andererseits vielleicht doch nicht so schwierig, denn es geht bei diesem Blog ja um die Folgen des Kulturkonsums. Folge eins: ich bin ein bisschen angeschickert (es gab Alkohol umsonst. Also nicht umsonst, sondern im ‚Mitgliedsbeitrag‘ inbegriffen). Folge zwei: ich bin gut gelaunt, und zwar nicht wegen des Alkohols, sondern, weil die Veranstaltung insgesamt stimmungsvoll war. NICHT wegen großer künstlerischer Aktionen, NICHT wegen einer großen Gestaltungshöhe, sondern eigentlich wegen des Miteinanders zwischen Performern und Publikum. Dazu trug bei, dass nicht immer eindeutig zu erkennen war, wer „Gastgeber“, also eingeweiht, und wer „Gast“, also Entdecker, war. „23.01. +++ XXX“ weiterlesen

22.01. +++ So viel Falschheit

Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)
Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)

Ein wichtiges Prinzip in Shakespearekomödien ist, dass Frauen sich als Männer verkleiden und keiner sie dann mehr erkennt, noch nicht mal ihr Vater oder Bruder. Passiert im richtigen Leben ja auch ständig. In DOPPELTE FALSCHHEIT gibt es einen „Oberschäfer“ (Master shepherd), der die verkleidete Violante anguckt und sagt: „Du bist noch ne Frau!“ Dieser Scharfsinn ist noch ganz sympathisch, dummerweise will der Schäfer sie aber anschließend zu einem Schäferstündchen nötigen, was nur durch Zufall verhindert wird. Skurriles Stück, DOPPELTE FALSCHHEIT. Noch nie gehört? DOPPELTE FALSCHHEIT oder DIE VERZWEIFELTEN LIEBENDEN? „22.01. +++ So viel Falschheit“ weiterlesen

21.01. +++ Schwer entflammbar

John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München
John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München

Ein wesentliches Kriterium zur Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst ist der Preis. Zumindest in unserer Gesellschaft. Über den Marktwert ihrer Werke kann man Künstler einteilen in „junges Talent“, „arrivierter Künstler“, „Klassiker“ und so weiter. Interessanterweise gilt das auch für den kulturellen Kanon; der ideelle Wert entspricht dem monetären Wert, oder anders gesagt: Wenn du kein Geld für etwas zu bezahlen bereit bist, dann kann es auch nichts Rechtes sein. Die Entstehung dieses geheimnisvollen Zusammenhangs wird „Markt“ genannt, und neben vielen Experten und Akteuren ist da irgendwo auch immer die „unsichtbare Hand“ zugange – eigentlich schön, so ein bisschen Mystik in der trockenen Zahlenwert des Kapitalismus. „21.01. +++ Schwer entflammbar“ weiterlesen