23.01. +++ XXX

XXX (Foto von contrapunctus.me)
XXX (Foto von contrapunctus.me)

Die Aura des Geheimen ersetzt das Geheimnis an sich. Zumal im post-post Zeitalter. Meine Herausforderung bei diesem Text besteht darin, dass ich einer interaktiven Performance beigewohnt, mich verpflichtet habe, nichts von dem, was geschehen ist, öffentlich preis zu geben, und trotzdem darüber zu schreiben. Andererseits vielleicht doch nicht so schwierig, denn es geht bei diesem Blog ja um die Folgen des Kulturkonsums. Folge eins: ich bin ein bisschen angeschickert (es gab Alkohol umsonst. Also nicht umsonst, sondern im ‚Mitgliedsbeitrag‘ inbegriffen). Folge zwei: ich bin gut gelaunt, und zwar nicht wegen des Alkohols, sondern, weil die Veranstaltung insgesamt stimmungsvoll war. NICHT wegen großer künstlerischer Aktionen, NICHT wegen einer großen Gestaltungshöhe, sondern eigentlich wegen des Miteinanders zwischen Performern und Publikum. Dazu trug bei, dass nicht immer eindeutig zu erkennen war, wer „Gastgeber“, also eingeweiht, und wer „Gast“, also Entdecker, war. „23.01. +++ XXX“ weiterlesen

22.01. +++ So viel Falschheit

Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)
Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)

Ein wichtiges Prinzip in Shakespearekomödien ist, dass Frauen sich als Männer verkleiden und keiner sie dann mehr erkennt, noch nicht mal ihr Vater oder Bruder. Passiert im richtigen Leben ja auch ständig. In DOPPELTE FALSCHHEIT gibt es einen „Oberschäfer“ (Master shepherd), der die verkleidete Violante anguckt und sagt: „Du bist noch ne Frau!“ Dieser Scharfsinn ist noch ganz sympathisch, dummerweise will der Schäfer sie aber anschließend zu einem Schäferstündchen nötigen, was nur durch Zufall verhindert wird. Skurriles Stück, DOPPELTE FALSCHHEIT. Noch nie gehört? DOPPELTE FALSCHHEIT oder DIE VERZWEIFELTEN LIEBENDEN? „22.01. +++ So viel Falschheit“ weiterlesen

21.01. +++ Schwer entflammbar

John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München
John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München

Ein wesentliches Kriterium zur Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst ist der Preis. Zumindest in unserer Gesellschaft. Über den Marktwert ihrer Werke kann man Künstler einteilen in „junges Talent“, „arrivierter Künstler“, „Klassiker“ und so weiter. Interessanterweise gilt das auch für den kulturellen Kanon; der ideelle Wert entspricht dem monetären Wert, oder anders gesagt: Wenn du kein Geld für etwas zu bezahlen bereit bist, dann kann es auch nichts Rechtes sein. Die Entstehung dieses geheimnisvollen Zusammenhangs wird „Markt“ genannt, und neben vielen Experten und Akteuren ist da irgendwo auch immer die „unsichtbare Hand“ zugange – eigentlich schön, so ein bisschen Mystik in der trockenen Zahlenwert des Kapitalismus. „21.01. +++ Schwer entflammbar“ weiterlesen

20.01. +++ Ganz anders

Byung-Chul Hang, DIE AGONIE DES EROS
Byung-Chul Hang, DIE AGONIE DES EROS

Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn einerseits habe ich heute viele großartige neue Gedanken geschenkt bekommen, das heißt nein, eigentlich waren sie nicht neu, sondern bisher nur dunkel erahnt und hier unheimlich klug formuliert; andererseits befürchte ich, dass ich keine Chance habe, auch nur einen von ihnen so wieder zu geben, dass ihm Gerechtigkeit wiederführe. Die gute Nachricht ist: Ich muss es auch nicht. Die Rede ist von Byung-Chul Hans Büchlein DIE AGONIE DES EROS, und ich kann nur sagen: Lest es. „20.01. +++ Ganz anders“ weiterlesen

19.01. +++ Im Freien

Alfred Hitchcock, DIE VÖGEL (Foto von musicboxtheatre.com)
Alfred Hitchcock, DIE VÖGEL (Foto von musicboxtheatre.com)
Ich bin heute nicht weniger als zwei Stunden lang auf dem Fahrrad durch München gegondelt, und während dieser Tour sind mir drei (in Worten: drei) Kunstwerke im öffentlichen Raum über den Weg – naja nicht gelaufen. Gut, Architektur gibt’s natürlich soweit das Auge blickt, und manchmal sogar ganz schön, aber das ist ja nun eher Gebrauchskunst. Mögen die Münchner keine Kunst im Freien? Zu teuer? Das kann der Grund wohl nicht sein. „19.01. +++ Im Freien“ weiterlesen

18.01. +++ Im Flachen

Ketil Bjørnstad, DEVOTIONS (Foto von www.amazon.com)
Ketil Bjørnstad, DEVOTIONS (Foto von www.amazon.com)

Ich muss jetzt auch mal was Kritisches loswerden. Seit Beginn meines Kunstexperiments habe ich mindestens drei Kilogramm zugenommen und bin sehr viel empfänglicher für Stimmungsschwankungen auf Grund des Wetters geworden, was im Ekelmonat Januar kein Spaß ist. Ich schreibe das der Steigerung der Sensibilität zu, die unweigerlich durch den Kunstkonsum eintritt, denn wenn die Empfindungen trainiert werden, werden sie auch in den Bereichen feiner, wenn das gar nicht Vorteil ist. Und dann muss man sich natürlich besser vor den Unbilden der Welt schützen. Mit Fettpolstern… naja der Körper hat halt nur eine begrenzte Art von Reaktionsmöglichkeiten. „18.01. +++ Im Flachen“ weiterlesen

17.01. +++ Aussitzer

Georges Simenon MAIGRET UND SEIN NEFFE, erschienen bei Diogenes
Georges Simenon MAIGRET UND SEIN NEFFE, erschienen bei Diogenes

Ich habe gelesen, dass Georges Simenon seine Maigret-Romane jeweils von langer Hand plante und dann quasi anfallsweise innerhalb einer Woche schrieb. Wenn das stimmt, wovon ich ausgehe, dann entspricht das sehr dem Charakter seines Kommissars, dessen vielleicht größte Qualität seine (meist) unerschütterliche Geduld ist. Maigret, das Schwergewicht im Pariser Polizeidienst der Zwischenkriegsjahre, ist weder elegant noch listenreich, aber er ist stur. Viele der von ihm bearbeiteten Fälle löst er durch Beharrlichkeit, dadurch, dass er die besseren Nerven hat als seine Kontrahenten – und immer kommt eine gehörige Portion Menschenkenntnis hinzu. Er sitzt seine Fälle aus. „17.01. +++ Aussitzer“ weiterlesen

16.01. +++ Punkstille

Eines lässt sich jetzt schon sagen
EINES LÄSST SICH JETZT SCHON SAGEN: Ein tolles Ensemble (Foto: www.i-camp-muenchen.de)

Um die Welt zu erklären, oder zumindest zu verstehen, bräuchte man ein Modell von ihr, das deutlich größer sein müsste als die Welt. Ist also nichts, mit verstehen oder erklären, aber verändern können wir sie. Glauben wir wenigstens, aber das würde jetzt zu weit führen. Der Theaterabend, den ich heute im i-Camp verbringen durfte, macht vorderhand immer wieder Anstalten zur Welterklärung, seine Stärke liegt aber weit jenseits von Worten, Logik und Erklärungen; es ist nicht der Makrokosmos, sondern der Mikrokosmos der fünf Akteure, der in der Stille zwischen denn Worten seine Wirkung entfaltet. „16.01. +++ Punkstille“ weiterlesen

15.01. +++ Belagerungswaffen

Hoffmannswaldau VERGÄNGLICHKEIT DER SCHÖNHEITOkay, mit meinem heutigen Kunstwerk gewinne ich wahrscheinlich keinen Originalitätswettbewerb, aber ich liebe dieses kleine Gedicht und ich will Ihnen sagen, wieso. Es geht um Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau VERGÄNGLICHKEIT DER SCHÖNHEIT. Öha, hör ichs da schallen, Barock? Ja, das ist ein Barocksonett, und zwar eins der besten, das auf deutsch geschrieben wurde. „15.01. +++ Belagerungswaffen“ weiterlesen

Gehacktes

„Gehacktes“ ist die undeklinierbare nordhessische Bezeichnung für Mett. Als Vegetarier finde ich diese Masse kulinarisch eher weniger attraktiv, aber die grammatische Unbeugsamkeit des Gehacktes (so heißt das nämlich) ringt mir Bewunderung ab. Dem Gehacktes (ja!) ist es egal, ob man auf es herabschaut, es weiß, was es kann, nämlich aus simplem Schweine- und/oder Rindfleisch (wenn beides, dann „Gehacktes halb und halb“) zur Gaumenfreude des Fleischfressers werden. „Gehacktes“ weiterlesen