Ich bin Kulturpopulist

In meiner Kurzfassung von Bertolt Brechts LEBEN DES GALILEI habe ich im Fazit eine Parallele gezogen zwischen dem politischen Populismus heute und dem von mir so genannten „religiösen Populismus“ der Kirche zur Zeit von Galilei. Die Kirche verbot das heliozentrische Weltbild des Machterhalts willen, entschied sich also wissentlich für die Unwahrheit. Den gleichen Vorgang, nämlich die wissentlich unterkomplexe und damit falsche Darstellung von Fakten aus Gründen des Strebens nach Macht sehen wir im populistischen Diskurs. Nun wurde mir angesichts dieses Gedankens vorgeworfen, es sei absurd, dass ich, als ständiger Vereinfacher (von literarischen Werken), andern Leuten ihre Vereinfachungen vorwerfe. Das hat mich zu einem Nachdenken über den Populismus inspiriert, weshalb ich die folgenden Gedanken mit euch teilen möchte.

AfD-Fahne (Bild von spiegel.de)

Wenn wir die Welt erklären oder politische Handlungsmöglichkeiten entwickeln, vereinfachen und generalisieren wir. Tatsächlich ist das vereinfachende Modellieren notwendiger Teil unseres Erkenntnisprozesses, denn ohne Vereinfachung, Muster- und Regelbildung keine Struktur. Auf die Vereinfachung als Erkenntnis- oder Kommunikationswerkzeug folgt jedoch immer das Problematisieren, das Komplexerwerden. Denn, und das ist jedem Vereinfacher klar, das Wesen der Welt liegt in ihrer Komplexität. Anders gesagt: Die Ausnahme ist ebenso wichtig, ja vielleicht wichtiger als die Regel, denn wenn wir nur genau genug hinschauen, gilt eine Regel immer nur einmal. Wenn jemand als Welterklärer und -gestalter in die Öffentlichkeit tritt, hat er die Pflicht zu beidem: Zum Vereinfachen und zum Komplizieren, denn wer immer nur vereinfacht, weicht Problemen aus. Wenn öffentliche Personen diesen zweiten Teil der Welterschließung, das Problematisieren, weglassen, geschieht das in der Regel nicht auf Grund mangelnder intellektueller Fähigkeiten, sondern ist eine strategische Entscheidung. Man nennt diese Strategie Populismus.

Populismus ist die programmatisch unterkomplexe Darstellung bzw. Interpretation politischer Themen. Programmatisch bedeutet, dass nicht nur auf Wahlplakaten oder in Slogans grob vereinfachende Welterklärungen und Problemlösungen formuliert werden, sondern diese – oft wissenschaftlichen, ethischen oder logischen Maßstäben zuwiderlaufenden Theorien – auch in Parteiprogrammen und ausführlichen Einlassungen vertreten werden. In der Regel ist der Populismus von einer extremen Parteilichkeit geprägt, der die Interessen nur bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zur allgemeinen Norm erhebt. Dabei scheut sich der politische Populismus nicht, mit nationalistischen, militaristischen, fremdenfeindlichen und anderen diskriminierenden Positionen (z.B. auf Grund von Rasse, Religion, sexueller Orientierung etc.) zu flirten oder sie sogar zu besetzen.

Der Papst und die Inquisition, seine ganz eigene Gedankenpolizei.

Es handelt sich also beim Populismus verknappt gesagt um eine Diskursstrategie, bei der sich der Teilnehmer aus Partikularinteresse gegen empirische Wahrheiten und ethische Prinzipien entscheidet. Ein Beispiel: Die AfD bezeichnete die Opfer des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentats als „Merkels Tote“. Die Argumentationskette, die zu dieser provokativen und möglicherweise im strafrechtlichen Sinne verleumderischen Formulierung führt lautet grob: „Angela Merkel holt Flüchtlinge ins Land“ – „Flüchtlinge sind Muslime“ – „Muslime sind Terroristen.“ – und diese Terroristen hätten nun einen Anschlag verübt. Alle drei Argumente sind in dieser Verkürzung falsch: Die Kanzlerin ist weder für den Flüchtlingsstrom verantwortlich, noch sind alle Geflüchteten Muslime oder gar Islamisten, und schon gar keine Terroristen. Die Ausnahme, nämlich der Verbrecher, wird hier zur Regel gemacht; die Regierungschefin zum Sündenbock für eine komplexe politische Weltordnung. Der Zweck ist völlig klar: Es soll Stimmung gemacht werden gegen Angela Merkel, im nächsten Jahr ist Bundestagswahl, die AfD will punkten. Insbesondere die infame Zuschreibung des Mordes an die Kanzlerin mobilisiert Abneigung, ja Hass unter denjenigen, die sich von diesen Äußerungen angesprochen fühlen.

Nun taucht der Populismus als politisches Phänomen in der Geschichte sowohl von rechts als auch von links auf: Ein Beispiel für linken Populismus sind die Staatsdoktrinen der kommunistischen Staaten, siehe DDR oder UdSSR. Totalitäre Regime bedienen sich gerne simpler Phrasen und insbesondere klarer Feindbilder, um die eigene Bevölkerung linientreu zu halten. Wichtige Instrumente dazu sind Geheimpolizei und Zensur. Diese Art staatlicher Indoktrination fand sowohl in der DDR als auch im nationalsozialistischen Deutschland statt und es sind diese totalitären Regimes, gegen die sich die Bundesrepublik entschieden abgrenzt. Eine Zensur findet nicht statt. Meinungs- und Pressefreiheit sind garantiert. Was nicht jede Meinung legitim macht, denn neben diesen Freiheiten schützt das Grundgesetz auch noch ein paar andere Werte, wie zum Beispiel Menschenwürde, Religionsfreiheit, Schutz vor Diskriminierung etc. Wer dagegen verstößt, kann sich schlecht auf Meinungs- und Pressefreiheit berufen. Nun flirten Populisten gern mit dem Tabu, indem sie Fremdenfeindlichkeit offen zur Schau tragen, Stimmung gegen andere als die christliche Religion oder nicht-heterosexuelle Menschen machen. Kritisiert man sie dafür, wird man als Feind der freien Meinungsäußerung denunziert, womit ein Grundrecht gegen ein anderes ausgespielt werden soll.

Verschwörungstheorien zur Wahrheitsfindung: Die Floskeln der populistischen Magier werden zu Zauberformeln

Ein weiteres Phänomen, das im Zusammenhang mit politischem Populismus auftaucht, sind Verschwörungstheorien, die unter den Anhängern der populistischen Dogmatik so lange wiederholt werden, bis sie für sie den Status der Wahrheit angenommen haben. Ein Beispiel dafür ist der Begriff „Lügenpresse“. Ich bin völlig sicher, dass die Redaktionen der großen Medien in unserem Land alle in einer Gemengelage von wirtschaftlichen Interessen und hierarchischen Machtstrukturen ihre Arbeit verrichten, wobei kritischer Journalismus oft aus Gründen der Quote, des Verkaufs und vielleicht manchmal auch, weil man das falsche Parteibuch hat, auf der Strecke bleibt. Aber daraus eine flächendeckende „Lügenpresse“ zu machen, die in einer groß angelegten und zentral gesteuerten Verschwörung die Unwahrheit berichtet? Ein Denkgebäude, das schon bei genauerem Hinsehen in sich zusammenfällt. Schlagworte wie „Lügenpresse“, „Gutmenschentum“ oder „linke Elite“ finden sich im populistischen Diskurs zuhauf, und so besteht die „Argumentation“ der Populisten häufig eher in einem virtuosen Spiel auf der Klaviatur der Andeutung, als dass sachlich und kritisch argumentiert würde. Hier besteht die „Vereinfachung“ des populistischen Diskurses in einer „Verklausulierung“ oder „Codierung“, bei der die Adressaten zu „Eingeweihten“ in die Geheimnisse der „Wahrheit“ gemacht werden. Mut zur Wahrheit? Es zeigt sich, wie sehr die Wahrheit eine Konstruktion ist.

Ich bin ein Freund einfacher Worte. Ich halte die Kunst der Vereinfachung sogar für die hohe Schule der sprachlichen Äußerung, ob schriftlich oder im gesprochenen Wort. Meine Sehnsucht nach einfachen Erklärungen für die Welt, nach simplen Geschichten, die Orientierung bieten, in der Komplexität dieses Irrsinns, der uns alle ständig vernetzt und Ursachen und Folgen so schwierig zu verstehen macht, ist nicht geringer als die Sehnsucht, die etwa Frauke Petry antreibt. Natürlich kenne ich Frau Petry nicht persönlich, aber ich glaube, ich tue ihr nicht unrecht, wenn ich sage, dass sie gern Bundeskanzlerin wäre. Das ist ein Ziel, das sie mit großer Energie verfolgt, und für das ihr viele Mittel recht sind. Ein Mittel, dass sie gern einsetzt, ist die grobe Vereinfachung. Grobe Vereinfachungen gehen immer auf jemandes Kosten. Wenn ich ein literarisches Werk grob vereinfachend zusammenfasse, dann geht das auf Kosten der Kunst, womöglich sogar auf Kosten der künstlerischen Ehre eines Autors, aber es dient einem pädagogischen Zweck, und der ist Aufklärung: Ich möchte Werbung für Literatur machen, ich möchte Leute für Bücher und fürs Lesen begeistern, und ich will die klugen Gedanken, die die Autoren gedacht haben, unter die Leute bringen. Außerdem darf ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich eine große Vielzahl von Geschichten zusammenfasse, und diese Pluralität schützt vor Abschottung der Gedanken, vor Eingleisigkeit und Ungerechtigkeit. Ich betreibe dieses Geschäft, einfache Geschichten zu erzählen, weil ich glaube, dass sie Spuren hinterlassen, Beispiele geben, abschrecken. Genauso hinterlassen politische Slogans Spuren. Viele Slogans von Frauke Petry gehen auf Kosten von Ausländern in Deutschland, Geflüchteten, Asylsuchenden, Menschen mit anderer als der christlichen Religion oder einer anderen als einer heterosexuellen sexuellen Orientierung. Sie würde das wahrscheinlich nicht zugeben, aber wenn sie es täte, dann versehen mit dem Hinweis, dass es zum Besten Deutschlands geschehe. Zu wessen Besten? Wenn Deutschland ein fremdenfeindlicher, islamo- und homophober Sumpf wäre, könnte ich das verstehen, aber das sind wir nicht.

Das Deutschland, in dem ich lebe, hat das Erbe der Aufklärung, das die Diktaturen des 20. Jahrhunderts verschüttet hatten, in seine Verfassung fließen lassen, und auch wenn das „Soziale“ in unserer Marktwirtschaft viel zu kurz kommt, auch wenn das Kapital viel zu einflussreich ist und es viele viele andere Probleme gibt – das hier ist ein freies, offenes, tolerantes Land. Wenn ich also ein Kulturpopulist bin, dann bleibt mir bei der qualitativ hochwertigen Literatur leider nix anderes übrig, als herauszustellen, dass sie für Menschlichkeit, Humanismus, Nächstenliebe, Solidarität, Freiheit und die Liebe zur Wahrheit plädiert. Wenn dabei das eine oder andere mal der politische Populismus Seitenhiebe einstecken muss, tut es mir nicht mal ansatzweise leid.

5 Antworten auf „Ich bin Kulturpopulist“

  1. Ich kann allem geäußerten nur zustimmen und bin sogar der Meinung, wir leiden an einem Mangel an Kulturpopulismus (eine wunderbare Wortschöpfung übrigens). Denn Populismus bedeutet immer auch Reichweite, wie es so schön neudeutsch ausgedrückt wird, und wenn die Literatur in unser immer schnelllebigeren Zeit nur noch so wenig Aufmerksamkeit erfährt, heißt das auch, dass bereits errungene Fortschritte zumindest für die Mehrheit der Menschen verloren gehen und für eine Weiterentwicklung nicht mehr verfügbar sind. In diesem Sinne: seien sie unbedingt weiterhin populistisch verkürzend!

  2. Die UdSSR und die DDR waren sozialistische Staaten und keine kommunistischen. Karl Marx definierten den Kommunismus so, dass sich in ihm der Staat komplett aufgelöst hat und nicht mehr existiert, da es keine Macht braucht die Menschen regiert, denen es gut geht.

    Vereinfachende Zusammenfassung:
    Wenn es jedem gut geht, streitet sich keiner.

  3. Da sind wirklich prima Denkanstoesse in diesem „Artikel.“
    (Ueber den Sinn und Unsinn der Vereinfachung)
    Und jetzt finde ich auch die paedagogische Theorie, die die herrlichen Playmobil „Vereinfachungen“ immer weiter treibt.

    Fuer mich ist Sommers Weltliteratur to go ein ganz wertvolles Geschenk, das ich begeistert mit Freunden und Familie teile, besonders weil Sie das Vereinfachen mit so viel Wissen und Erkenntnis schaffen.

    Um die Komplexitaet muss man sich dann selber bemuehen, und leider (?) nimmt das etwas mehr Zeit in Anspruch, aber es lohnt sich immer. Als frische Pensionaerin im Ausland freue ich mich riesig, mich jetzt gruendlicher mit Weltliteratur und Weltgeschichte beschaeftigen zu koennen als es frueher fuer mich moeglich war. Sehr viel lohnender als endloses shopping was in meiner Umgebung die Hauptbeschaeftigung zu sein scheint.

    Wie schoen, Mwsommer entdeckt zu haben!

  4. Nur leider ist die Ironie der „Freiheit“, dass hier niemand wirklich frei ist. Die Demokratie ist die abgeschwächte Form des Sozialismus: Der Herrschaft des ZKs als Stellvertretung für das Volk.

    1. Da ich immer Interesse an Literatur, Phantasie und Erfindungskraft habe, freue ich mich zwar über jeden Beitrag, dieser Kommentar klingt für mich aber schwer nach Verschwörungstheorie. Wenn Sie an einer sachlichen Diskussion interessiert sind, freue ich mich über Argumente.

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