Provinz On Air #TheaterimNetz

Livestream_Theater_UlmEin Beitrag zur #Blogparade #TheaterimNetz. Danke für die Initiative, liebe Kulturfritzen. 🙂

Es ist ja nicht alles schlecht, was aus dem Stadttheater kommt. Ich zum Beispiel. Bis 2014 habe ich als Dramaturg in Ulm gearbeitet und da ein Livestreaming-Projekt aufgebaut, von dem ich ein bisschen erzählen möchte.* Die Idee entstand aus der Zusammenarbeit mit einer lokalen Internet-Plattform (früher gabs ja noch andere soziale Netze außer Facebook…) team-ulm.de. Mehrere der Macher dieses Teams (zum Beispiel der großartige Stefan Kaufmann) begleiteten mit fantastischem Engagement die Poetry Slams, die wir im Theater veranstalteten, indem sie jedesmal Videobeiträge zu YouTube stellten. Da sie auch Erfahrung mit Livestreaming hatten, beschlossen wir, ein Slam-Event aus dem Großen Haus des Theaters live zu übertragen (POETRY! DEAD OR ALIVE? am 18.03.2011). Dieser Testlauf verlief qualitativ sehr zufriedenstellend – wir hatten ihn allerdings nicht an die große Glocke gehängt.

Ein Jahr später, am 27.03.2012, folgte die Übertragung des in Ulm uraufgeführten Stückes ROMMEL – EIN DEUTSCHER GENERAL (diese ziemlich ambivalente Figur des deutschen Nationalsozialismus war 1944 in der Nähe von Ulm zum Selbstmord gezwungen worden). Bei diesem Livestream hatten wir 522 Unique Visitors aus zwölf Ländern – nicht viel für einen Livestream, aber Grund genug, das Projekt ernsthaft zu betreiben. Also bemühte ich mich in der Folge um die Anschaffung einer Infrastruktur, die es uns erlauben würde, regelmäßig Vorstellungen live zu streamen. Natürlich gab es Vorbehalte im Theater selbst, auch das naheliegendste Argument – „Wieso sollen wir unsere Produkte umsonst verfügbar machen? Dann gehen die Zuschauer doch nicht mehr ins Theater!“ – wurde auf den Tisch gebracht. Glücklicherweise waren meine Dramaturgenkollegen und der Intendant im Prinzip dafür, so dass die Einwände überwunden werden konnten; den Ausschlag für die Realisierung gab jedoch die Tatsache, dass die Stadt Ulm im Rahmen des Projekts „Ulm 2.0“ die finanziellen Mittel für die Anschaffung von Equipment und die Einrichtungskosten zur Verfügung stellte – zwei Kameras, zwei Rechner, Einsatz der Firma Cortex Media aus Ulm – das schlug insgesamt mit ca. 13.000 Euro zu Buche. Klingt für ein Stadttheater nicht viel, aber aus dem laufenden Etat wäre das nicht bezahlbar gewesen.

Also gingen wir am 28.06.2013 mit unserer neuen Ausrüstung an den Start, um das in Ulm deutschsprachig erstaufgeführte Stück KILLERINSTINKT von Nicholas Pierpan zu übertragen. Seitdem gab es ungefähr ein Dutzend Übertragungen aus Ulm – Schauspiel, Oper, Ballett – von der Großen Bühne und aus dem Podium (Studiobühne). Die Technik ist nach Einweisung sogar von Dramaturgen zu bedienen: ein Kollege, der die Inszenierung gut kennt, an der nahen Kamera, ein zweiter am Host-Rechner, um das Bild mit der Totale-Kamera zu mischen. Das wirkt nicht so funky wie die Übertragungen von Opern aus der Met, aber qualitativ sehr ordentlich – und man bekommt einen guten Eindruck von einer Inszenierung (siehe z.B. Bericht auf nachtkritik.de). Neben dem Player, der auf der Homepage des Theaters verfügbar ist, gibts auch ein Chatmodul, das freilich nicht ganz so cool ist, wie live eingebundene Twitterkommentare oder so. Was wir also vor drei Jahren in Ulm angestoßen haben, war eine ziemlich simple Möglichkeit, die „Produkte“ des Theaters der Netzgemeinschaft verfügbar zu machen; durch die Einführung des Livestreamings bei YouTube dieses Jahr wird das ganze noch mal wesentlich simpler und günstiger.

Die Botschaft dieses Projekts ist: Es ist ganz einfach, sogar für ein „verkrustetes“ Stadttheater möglich, sich ins Netz zu öffnen, man muss es nur wollen. Dabei ist die Zuschauerschaft in Ulm alles andere als ein netzaffines Publikum. Die meisten sind Abonnenten im fortgeschrittenen Alter, die mit Sicherheit keinen Twitter- oder Facebookaccount haben und nur mit viel Glück wissen, wie man eine Email schreibt. Angesichts dieses Publikums und der sehr produktorientierten Arbeitsweise des Theaters Ulm ist dieses Projekt sogar ein bisschen rebellisch, weil es die Vorstellung von einem fertigen Produkt auf der Bühne, das ordentlich und fromm von Menschen in Sonntagsklamotten goutiert wird, unterminiert – das Livestreaming öffnet Räume und lädt zum Mitreden ein, wo das die gezeigten Inszenierungen gar nicht tun.

Deshalb bietet sich diese Technik bei freieren Theaterformen wesentlich mehr an, und insbesondere wäre es für die Netzwelt natürlich interessant, dauerhaft oder zumindest immer wieder am kreativen Prozess teilzunehmen. Ein Livestream von der Leseprobe, von einer szenischen Probe, von einer Bühnenprobe, von einer Kritik in der Kantine – das wäre wesentlich spannender – läuft aber dem Bedürfnis nach Schutz des künstlerischen Prozesses zuwider. Gerade an einem Theater mit hoher Produktionsdichte (wie zum Beispiel in Ulm) wäre es ausgeschlossen, eine solche „gläserne Produktion“ zu realisieren, weil die knappen zeitlichen und personellen Ressourcen sowie ein hoher Erfolgsdruck herrschen – komisch, gell? Da ist man schon subventioniert, unterwirft sich aber dennoch und ständig einem solchen Marktstress.

Ich bin sicher, dass eine nachhaltige Öffnung von öffentlichen Theatern ins Netz einhergehen mit dem Umbau zu einem freieren Kommunikationsort, bei dem die klassischen „Stücke“ nur noch ein – und nicht der wichtigste Teil – des Angebots sind, sondern in partizipativen Projekten, Cross-Media-Produktionen und vor allem einer Vernetzung mit anderen Kommunikationsorten (wissenschaftlichen, politischen, kulturellen) auf der ganzen Welt Gespräche entstehen. Ansätze dafür sind schon seit Jahren überall spürbar – ob in Freiburg, an den Kammerspielen oder jetzt in Trier (zum Stand des Livestreamings an Theatern hier ein Beitrag von nachtkritik.de). Auf Chris Dercons neue Ideen an der Volksbühne darf man gespannt sein. Ich arbeite zur Zeit für das Pathos München an einem vernetzten Theaterprojekt, PHONE HOME, über das ich in den nächsten Tagen an dieser Stelle berichten werde, und betreibe einen YouTube-Kanal, der auch mit Theater zu tun hat: SOMMERS WELTLITERATUR TO GO.

Zur Blogparade

* Ich hab übrigens im Rahmen der Weiterbildung „Theater- und Musikmanagement“ an der LMU eine kleine Arbeit zum Thema „Livestreaming für das Theater Ulm: Chancen einer neuen Kommunikationstechnologie“ geschrieben. Wenns euch interessiert, schicke ich sie euch gern zu, schreibt mir einfach: info@mwsommer.de

 

7 Antworten auf „Provinz On Air #TheaterimNetz“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.