Synkope. Zum Tod von Jörg-Heinrich Benthien

Jörg als Musiker in KILLERINSTINKT mit Matthias Freund am Schlagzeug. Foto von Ilja Meß.
Jörg als Musiker in KILLERINSTINKT mit Matthias Freund am Schlagzeug. Foto von Ilja Meß.

Wenn ich an Jörg denke, dann als lächelnden Menschen. Ich finde es bemerkenswert, dass mir das von einem großartigen Schauspieler und Musiker zuerst einfällt. Nicht einer von den vielen Momenten, in denen er mich auf der Bühne berührt hat, sondern irgendeine Begegnung im Alltag – wir sehen uns, er lächelt. Wenn man viele Jahre zusammen arbeitet, gibt es auch immer wieder Auseinandersetzungen, und Jörg konnte echt hartnäckig sein, wenn er glaubte, dass es da noch etwas zu holen gab in der Beschäftigung mit einer Rolle, mit einem Stück. Aber ich habe ihn nie als jemanden erlebt, der kleinlich oder persönlich wurde. Er war immer eine Bereicherung, gerade auch, wenn er nicht die Hauptrolle spielte. Ich glaube, er hat sein großes Können sehr uneigennützig eingesetzt. Sich auch dann gern mit voller Kraft hergeschenkt, wenn nicht der ganz große Applaus wartete. Und ich spreche von jemandem, der jederzeit in der Lage war, die große Bühne zu füllen und einen Abend ganz allein zu tragen. Aber er war sich nicht zu schade, dem Ganzen zu dienen, und das ist eine besondere Gabe.

Als ich ihn zum ersten mal als Agamemnon in der ORESTIE erlebte, war ich schon ein bisschen eingeschüchtert von diesem drahtigen, muskulösen Mann mit den messerscharfen, präzisen Gesten und der klaren, direkten Diktion; diesem Raubtier, der den aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten verkörperte, ohne irgend etwas illustrieren zu müssen. Er war es einfach. Er war sich seiner Instrumente sicher – und die Gitarre war nur eines, das er perfekt beherrschte. Für mich noch viel bewundernswerter, wie er in seinem Körper ruhte und mühelos Dinge mit der Sprache anstellen konnte, die andere vergeblich versuchen. Ein Theaterathlet, der scheinbar immer im Training war, und der dadurch sehr in sich ruhte. Ich glaube, es machte ihm einfach Spaß, sich körperlich, musikalisch, künstlerisch zu bewegen und diese Freude konnte er auf seine Umgebung genauso übertragen wie auf sein Publikum.

Ein Punkt an dem wir uns besonders gut verstanden haben, war seine geistige Beweglichkeit. Vor drei Jahren konnte ich ihn dazu bewegen, bei POETRY! DEAD OR ALIVE? zu Hölderlin zu werden. Wo viele andere vielleicht vor den kryptischen Gedichtzeilen, die ich ihm vorsetzte, zurückgeschreckt wären, war er sofort Feuer und Flamme. Ich glaube, seine Art der geistigen Experimentierfreudigkeit im Grenzgebiet des Sinns hatte mit seiner großen Musikalität zu tun. Die Formulierung „Grenzgebiet des Sinns“ klingt vielleicht doppeldeutig, was ich damit meine, ist die Fähigkeit, Sprache nicht nur als Vehikel für Gefühle und Gedanken zu begreifen, sondern als Wesen, die ein Eigenleben haben können. Er war in der Lage, Worte so zu formen, dass sie fremd klangen, dass die Unsicherheit und Doppelbödigkeit unserer verbalen Weltaneignung hörbar wurde. Wer ihn auf der Bühne erlebt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass er hin und wieder Zäsuren setzte, die da eigentlich nicht hingehörten – Synkopen im Metrum der Sprache, die er zwar gewohnheitsmäßig, aber sehr bewusst setzte. Ein Stocken, ein kurzer Moment, in dem er dieses Material seiner Kunst sichtbar machte, vielleicht auch ein Innehalten in der vollen Emotion, ein Abgrund, in den er im Vorübergehen schaute.

Als ich am Dienstag von Jörgs Tod erfuhr, war es mir völlig widersinnig. Er war für mich ein so lebendiger und gesunder Mensch. Vielleicht war mein Bild von ihm völlig falsch, aber es passte mit diesem Ereignis nicht zusammen. Indem ich über die vielen Bilder und Augenblicke mit ihm nachgedacht habe, ist mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen. In vielen Rollen, zum Beispiel in Vogt und Danton, ist er vielleicht deshalb so aufgegangen, weil er sich mit einem ihrer Gedanken gut identifizieren konnte: Wenn du sicher bist, dass du das Richtige tust, dann musst du den Weg bis zum Ende gehen. Er hat sich nicht aufgespart.

 

2 Antworten auf „Synkope. Zum Tod von Jörg-Heinrich Benthien“

  1. Ich kann nicht so schreiben wie du, aber du hast ihn sehr gut beschrieben. Ich konnte heute nur durch meine Präsenz an der Abschiedsfeier ihn ehren.

  2. Vielen Dank für diese Worte. Man hätte Jörg kaum besser beschreiben können. Er war ein begnadeter Schauspieler, ein Mensch der das Leben in vollen Zügen genoss, liebte und es bereicherte. Er war so vieles für das es keine Worte gibt, jemand der mir immer fehlen und immer in meinem Herzen bleiben wird.

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