Unser täglich Kunstwerk

Prolegomenon*

Endlich ist wieder Neujahr und Zeit für Neuanfänge. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich meinen (einzigen) Vorsatz 2014 („Mehr denken!“) gewissenhaft verwirklicht habe – ich müsste mal drüber nachdenken – aber selbst wenn nicht, kann das ja kein Argument gegen neue gute Vorsätze sein. Ich liebe gute Vorsätze: man hat das Gefühl etwas Gutes getan zu haben, und wenn man nur ein bisschen schlechtes Gedächtnis hat, sind sie auch keine große Belastung. Andererseits finde ich die asketische Beschränkung auf einen guten Vorsatz – naja noch besser, eben. Der einzige gute Vorsatz wird dann sozusagen zu einem superguten Vorsatz. Und welcher soll es 2015 sein? Da ich statistisch betrachtet mein halbes Leben bereits sinnlos verpulvert habe, scheint mir eine gesundheitsfördernde Maßnahme sinnvoll, sonst kann sichs bald mit dem weiteren verpulvern. Nach Durchsicht meiner Finanzen und einer kurzen Recherche der einschlägigen Angebote vor Ort steht fest: Fitnessstudio, Yoga, Pilates – alles zu teuer. Gesünder ernähren als jetzt schon kann ich mich sowieso nicht, deshalb bleibt nur eins: Die Steigerung des körperlichen Wohlbefindens durch Kulturkonsum. Bei regelmäßiger Einnahme von Kulturgütern, wird ja von Lehrern, Dramaturgen und Serienmördern immer behauptet, wird man entspannter, ausgeglichener, glücklicher – und das muss ja auch körperlich spürbar sein. Und Kultur ist ja billig hierzulande. Also lautet mein superguter Vorsatz 2015: „An artwork a day keeps the doctor away.“ In einem groß angelegten Selbstversuch werde ich den täglichen Konsum eines Kunstwerks dokumentieren und die kurzfristigen, mittelfristigen sowie die langfristigen Auswirkungen auf meine Gesundheit analysieren. Welches Genre entspannt den Verdauungstrakt? Machen Klassiker Sodbrennen? Ist ein gutes Workout nur mit Werken der Avantgarde zu haben? Auf meiner medizinischen Expedition durch die Welt der legal erhältlichen Kulturgüter werde ich mich systematisch auf meinen Instinkt verlassen und rituell in mich hineinhorchen, auf dass der geneigte Leser von meinen Erfahrungen profitiere. Also dann: Feuer frei!

* Ich bin ein großer Fan von Lego.

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