Verzapft +++ Was Kunst ist

Achtung, sie können mich mit folgendem nur vage plagiierten Satz zitieren: „Kunst ist die Spur, die das Ringen des Menschen mit sich selbst hinterlässt.“ Also eine absichtlich gelegte Spur, damit man (die Ermittler, die den Tatort zu Gesicht bekommen) sich Gedanken zum Tathergang macht. Machen. Kunst ist demnach etwas, das Leute benutzen, um andern Leuten, die sie womöglich gar nicht kennen, etwas zu sagen, ohne es ihnen direkt zu sagen. Damit sies später mal besser haben, zum Beispiel. Und Kunst entsteht also immer in einem Akt der Selbstverletzung oder -verstümmelung („Ringen“). Manche Leute, die Kunst machen, empfinden das nicht so, weil andere Dinge mehr weh tun, oder weil der Schmerz der Kunstproduktion (wie beim Ritzen) mangels anderer Empfindungen von ihnen als positiv wahrgenommen wird. Wenn man jetzt konkreter wird und fragt, was Kunst praktisch ist, dann muss man sagen: Heutzutage leider (? Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher, ob ich das bedaure) fast alles, das rechtlich und ethisch okay ist. Woran erkenne ich Kunst im Alltag? Wenn kein Rahmen drumherum ist, wirds schwierig. Um Kunst zu sein, muss ein Objekt, ein Vorgang oder ein Gedanke nur drei Voraussetzungen erfüllen: 1. Es muss geschaffen oder deklariert werden. 2. Es muss ein Publikum haben. 3. Es muss eine Gestaltungshöhe haben. Alle drei dieser Kriterien sind ziemlich weich und amorph, aber alle drei müssen in irgendeiner Form erfüllt werden, sonst kommt ein Kunstwerk nicht zustande. Der erste Punkt ist wahrscheinlich unstrittig: Kunst ist menschengemacht, und wenn kein Mensch etwas macht, entsteht auch keine Kunst. Ein verbreiteter Irrtum ist, dass der Künstler selbst irgendwie Hand anlegen oder anderweitig physisch auf das spätere Kunstwerk einwirken muss. Unter Umständen reicht es schon, wenn er Kraft seines Amtes als Künstlers ein Ding zur Kunst erhebt. Wie die Queen. Der Künstler adelt ein gemeines Ding zu hoher Kunst. Wenn ich auf einen Kiefernzapfen am Boden zeige und jemandem sage: „Ich nenne es ‚Untitled'“, dann ist der Zapfen auf dem besten Weg zu Kunst zu werden.Der zweite Punkt ist ein philosophischer: Ein Kunstwerk kann noch so genial sein, wenn niemand davon weiß, dann existiert es nicht. Da es Teil eines Kommunikationsprozesses ist, muss es wahrgenommen werden. Der dritte Begriff ist eines meiner Lieblingsworte, weil er wunderbar idiotisch juristisch ist: „Gestaltungshöhe“ heißt, dass es eine durch den Prozess des künstlerischen Schaffens entstandene Differenz des Kunstwerkes zur es umgebenden Nichtkunst geben muss: Die kann freilich rein fiktiv sein, d.h. sich auf den Bereich der Gedanken beschränken. Also vielleicht muss ich noch was zu meinem Zapfen sagen, bevor er Kunst ist, aber spätestens, wenn einer dafür bezahlt, ist er Kunst. Der Begriff impliziert natürlich auch, dass Kunst höher steht als Nichtkunst, was ich erstmal schön finde, weil man dann von der Gestaltungshöhe eine viel bessere Aussicht auf die ganze Nichtkunst hat. Aber was hats eigentlich mit dem „Ringen des Menschen MIT SICH SELBER“ auf sich? Ist es keine Kunst, wenns um den Kampf mit Grizzlys geht, oder weißen Walen? Naja, ich sag mal so: Wenn der beteiligte Mensch mit einem Panzer über den Grizzly fährt und keine Spur von ihm, sondern nur Gehirnmasse vom Grizzly zurückbleibt, dann ist das tatsächlich keine Kunst. Entsprechendes gilt für die Walfangindustrie. Der beste Kunde der Kunst ist der Mensch und wie so viele Spezies (außer Hunden) interessiert sich der Mensch außerhalb der Mahlzeiten hauptsächlich für sich selbst. Kunst ist eine Form der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, und von diesem Ringen ist die Rede. Und wo wir gerade von Kundschaft sprechen: Kunst kostet Geld. Wenn sie umsonst ist, dann ist es oft Religion (keine richtige, weil die kosten auch Geld, mehr so Volksglaube) oder Natur. Oder Wetter. Und wenn sie tatsächlich umsonst ist und trotzdem Kunst, dann hat sie irgendwer zu einem Zweck verschenkt, den wir noch nicht verstehen. Kunst kostet deshalb Geld, weil es Zeit kostet, sie zu machen. Noch nicht mal so sehr der tatsächliche Akt des Tippens, Pinselschwingens oder Singens, sondern die ganze Zeit, die es dauert, bis jemand in die Lage gerät, so etwas tun zu können. Denn Künstler sind keine Propheten, sondern Leute, die hart arbeiten, wenn sie gut sind (Kunst = 5 % Talent + 5 % Glück + 90 % Arbeit). Und falls das jemand nicht glaubt, kann ich nur sagen: Bringen Sie mal wen dazu, einen Kiefernzapfen zu kaufen, das ist harte Arbeit, das kostet Zeit und hinterlässt Spuren. Allerdings hoffentlich keine allzu tiefen in ihrem Gewissen, weil sonst bringen sies als Künstler nicht so weit.

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