Was ist Weltliteratur?

Neulich fragte mich jemand, was ich eigentlich glaube, das Weltliteratur sei. Eine berechtigte Frage, denn immerhin heißt mein Kanal großspurig nach diesem Genre, und vorneweg will ich ein freimütiges Geständnis ablegen: Nicht alle Werke, die ich bisher schon verplaymobilisiert habe und in Zukunft zusammenfassen werde, qualifizieren sich meines Erachtens für den schönen Titel „Weltliteratur“.

Desert Island Books
Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Bei Robinson Crusoe wars noch die BIBEL. (Video Still aus ROBINSON CRUSOE TO GO)

Wie meistens im Leben spielen bei der Auswahl der Titel für meine Reihe Pragmatik und Kundenorientierung eine Reihe. Kundenorientierung heißt: Sie wünschen, wir spielen. Also, ich erfüll natürlich nicht jeden Wunsch sofort, aber wenn ein Titel wieder und wieder gewünscht wird, dann steigen seine Chancen erheblich, von mir zusammengefasst zu werden (so geschehen zum Beispiel bei INGRID BABENDERERDE. REIFEPRÜFUNG 1953). Pragmatik heißt: Ich arbeite mit dem Reclam-Verlag zusammen, und der sagt mir, was die häufigsten bei ihm verkauften Titel sind – und derer nehme ich mich dann auch an. Weiterhin habe ich natürlich die abirelevante Literatur der einzelnen deutschen Bundesländer gechekt – ich will, dass meine Videos einen praktischen Nutzen haben.

Das alles sind aber noch keine Qualitätskriterien für Weltliteratur, deshalb jetzt zum Kern der Sache. Wenn wir für den Augenblick den Worbestandteil „Welt-“ zur Seite legen und danach fragen, was „Literatur“ sei, also was sich im Bereich des geschriebenen Wortes als Kunst qualifiziert, dann muss ein solches Werk zunächst mal „gut geschrieben“ sein. Was soll jetzt das heißen und woran erkenne ich es? Eine „gute“ Schreibe kann sowohl einfach als auch kompliziert, also leicht zugänglich oder megasperrig sein, aber eines ist sie nicht: stereotyp. Ein „guter“ Literat reproduziert nicht gängige Formulierungen, sprachliche Klischees oder zitiert unbewusst alle guten Schreiber, die er als Jugendlicher aufgesaugt hat, sondern bringt Unerhörtes zur Sprache, und zwar gezielt, bewusst, absichtlich so. So hat das noch keine vor ihm gesagt. Und gleichzeitig „stimmt“ der Ausdruck; wenn man dranschnipst, dann „klingt“ er, er hat eine Resonanz. Er modelliert die Welt (am besten die Innenwelt des Menschen), und weist gleichzeitig über sich hinaus. Das heißt, er bedeutet konkret, öffnet aber vielfältige Assoziations- und Zugangsmöglichkeiten.

Der Hofmeister
Ist es heutzutage nicht unangemessen, so etwas wie einen gemeinsamen Kanon der Weltliteratur zusammenstellen zu wollen? Guckt da nicht der Oberlehrer um die Ecke (hier ein Still aus DER HOFMEISTER)? Naja, ich halte meinen Kanal nicht für exklusiv, sondern für einen Ausgangspunkt, um sich Gedanken zum Thema zu machen.

Ich weiß nicht, ob Sie mir hier folgen können, aber es gibt diese „Klassikererfahrung“: Du liest ein Werk zum ersten Mal, zum Beispiel HAMLET, und bleibst an einer Formulierung hängen und denkst dir: „Das kenn ich doch.“ Tust du aber gar nicht, es ist nur so allgemeingültig formuliert, der Dichter hat eine menschliche Erfahrung so universal in Worte gefasst, dass sie vom Leser/Hörer/Zuschauer/Schauspieler sofort wiedererkannt wird und bei ihm hängen bleibt. Als perfektes Wortmodell der Welt. Gutes Schreiben hinterlässt Spuren im Hirn, es erzeugt „Ohrwürmer“, die wir nicht mehr vergessen, und die uns helfen, uns selbst und die Welt zu erkennen und zu verstehen. Und dabei geht es nicht nur um berühmte „Zitate“, es kann auch um eine Art des Schreibens gehen, den Stil, der einer bestimmten Art zu empfinden entspricht – vielleicht ist DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER ein gutes Beispiel dafür. Wer in dieser Weise „originell“ schreibt, also handwerklich gut, am besten noch mit einem erkennbaren eigenen Stil, der ist auf jeden Fall ein Verfasser von „Literatur“, der macht Kunst mit Worten.

Und wie wird aus „Literatur“ nun Weltliteratur? Darauf gibt es eine historische und eine abstrakte Antwort. Die abstrakte zuerst: Wenn ich die Geschichte eines Fischers aus einem kubanischen Dorf schreibe, der ein paar Tage lang mit dem größten Fisch seines Lebens kämpft und dann mit einem sehr großen aber von Haien abgenagten Fischskelett nach Hause kommt, dann kann das eine Geschichte sein, die ausschließlich für kubanische Küstenbewohner spannend ist, die diese Erfahrung potentiell auch machen, oder sie kann zu einem Symbol für eine größere Erfahrung werden, für die conditio humana, oder zumindest den historischen Zustand der Menschheit, seine Verlorenheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts, nachdem mit dem Zweiten Weltkrieg so viel an Sinn und Ordnung zerstört worden ist, und nichts übrig, im Himmel. Wenn die literarische Qualität eines Werkes (wie hier im Beispiel DER ALTE MANN UND DAS MEER) genügend groß ist, dass es zugänglich (lesbar) für Menschen vieler oder aller Kulturen ist, dass sie sich und ihre Probleme darin wiedererkennen, dann kann man getrost von Weltliteratur sprechen. Und woher weiß ich, ob das der Fall ist? Ich gehöre ich ja erstmal nur einem Kulturkreis an. Naja, Autoren werden in der Regel nicht zufällig mit großen internationalen Preisen ausgezeichnet und auch die Lektürelisten von Bildungseinrichtungen entstehen in der Regel, nachdem die Verantwortlichen die Werke gelesen haben. Will sagen: Der Markt und die Literaturindustrie (Verlage, Universitäten, Schulen, Theater usw.) haben durchaus eine „unsichtbare Nase“ für literarische Qualität. Im Falle des Marktes kann man das sogar an Zahlen festmachen. Diese Tatsache bedeutet keinesfalls, dass man den Institutionen, dem Kanon oder Wikipedia blind vertrauen sollte, aber deren Katalog der Weltliteratur (so fragmentarisch und widersprüchlich er ist) stellt einen legitimen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung damit dar. Die Verkaufszahlen (international) sind aber natürlich nicht alles, sonst stünde das KLEINE ROTE BUCH (WORTE DES VORSITZENDEN MAO TSETUNG) ganz oben auf meiner Weltliteraturliste. Bei Maos Hauptwerk, einem der am häufigsten gedruckten Bücher der Welt, handelt es sich aber um das Zeugnis eines Personenkults, das „nur“ aus politischen Gründen eine solch große Verbreitung erfahren hat – und ohne es bisher gelesen zu haben, geht mein Vorurteil dahin, dass der literarische Wert sehr begrenzt ist. Das gilt übrigens für die echte BIBEL ebenfalls in Teilen, dennoch ist hier die Relevanz für die ganze Menschheit deutlich höher, glaube ich, weil eben einzelne Formulierungen (Stichwort Bergpredigt) meinem oben formulierten Qualitätskriterium entsprechen, deshalb werden einzelne Bücher der Bibel sicher irgendwann noch drankommen, in meiner Reihe.

Wenn wir schreiben, dann stehen wir immer schon auf Bergen von Papier – wie zum Beispiel Nina hier in DIE MÖWE auf Shakespeares Hauptwerk steht…

Der „historische“ Aspekt, der aus Literatur Weltliteratur macht, ist für mich der folgende: Bestimmte literarische Werke waren im Verlauf der Kulturgeschichte sehr einflussreich und haben spätere Autoren fundamental geprägt. Dazu gehören etwa viele Werke der griechischen Antike, Autoren wie Shakespeare, Molière, Beckett oder Brecht. Dennoch ist die Anhängerschaft eines Autors für mich kein Einzelargument, denn manchmal wirken Autoren als Katalysator für eine große literarische Epoche, aber nach einer Weile wird die Wirkung ihrer Werke, die Zugänglichkeit sozusagen „verschüttet“. Damit ein Werk für mich „Weltliteratur“ ist, muss es auch heute noch zugänglich sein, auch wenns vielleicht erstmal schwierig ist, sich einen Zugang zu verschaffen. Das zu beurteilen ist ein sehr subjektiver Prozess, es zählt dabei Erfahrung, Geschmack und letztenendes auch Instinkt.

Meine Definition von Weltliteratur lautet also: „Ein innovatives literarisches Werk, das erkennbare Spuren im einzelnen Leser und in der Kulturgeschichte hinterlässt.“  Soweit, so richtig glaube ich, es geht also um Werke mit den Merkmalen „qualitativ hochwertig“, „universell zugänglich“, „originell“, „für die ganze Menschheit und alle Zeiten relevant“, „einflussreich“ und „populär“. Und wo sind die afrikanischen Autorinnen? Die australischen? Die asiatischen? Obwohl die genannten Eigenschaften für viele der von mir bisher behandelten Werke zutreffen, bin ich ein leicht übergewichtiger weißer mitteleuropäischer heterosexueller Mann aus dem deutschen Kulturkreis, und davon ist meine Werkauswahl geprägt. Das muss anders werden und ich arbeite dran (vor allem an der Sache mit dem Übergewicht). Ich bitte, bei der Beurteilung meiner Bemühungen die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass ich mir der Unzulänglichkeit meiner Auswahl bewusst bin und hoffe, in Zukunft etwas repräsentativer zu werden und wirklich mehr Werke zu behandeln, die den Blick darauf öffnen, was in anderen Gegenden der Welt wichtig und einflussreich war und ist. Der Mensch braucht Ideale.

P.S.: Ein Post von Anna’s Buchpost über die Definition von „klassischer Literatur“.

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